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Vor Ostern

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Von: Judith von Sternburg

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Wem dieses unfaire Missverhältnis zwischen Mensch und Ewigkeit aufgefallen ist, der wird auf dem Friedhof nicht aufhören können mitzurechnen.
Wem dieses unfaire Missverhältnis zwischen Mensch und Ewigkeit aufgefallen ist, der wird auf dem Friedhof nicht aufhören können mitzurechnen. © Arne Dedert/dpa

Wir denken an jene, die nicht mehr dabei sein können - und damit auch an den Tod.

Sobald sich fröhliche, in 365-Tage-Abständen garantiert wiederkehrende Vorgänge nähern, wird man an die denken, die nicht mehr dabei sind. Sagen wir zum Beispiel: zum zehnten Mal nicht mehr. Oder zum vierten Mal nicht mehr. Immense, lächerliche Zeiträume, die die Diskrepanz zwischen unsereinem und dem Universum leider übermäßig deutlich machen.

Wem dieses unfaire Missverhältnis zwischen Mensch und Ewigkeit aufgefallen ist, der wird auf dem Friedhof nicht aufhören können mitzurechnen. Paul Meyer (1.2.1890-1.1.1956), Maria Meyer (27.12.1901-), Ingeborg Meyer (3.3.1922-8.9.1932), Franz Meyer (1.5.1923-Mai 1944). Dass keiner mehr da war, um das steinerne Formular zu Ende auszufüllen, ist nicht das Deprimierendste daran. Obwohl es auch deprimierend ist, diese Rück- und Voraussicht, und wie sie doch ins Leere ging. Andererseits ist es wenigstens erst hinterher passiert.

Das Deprimierende sind also vielmehr die Jahre dazwischen. Schlechte Kopfrechner und Kopfrechnerinnen, die dafür die Finger brauchen und zwar mehr als zehn, kommen kaum noch raus aus dem Friedhof. Was die Familie Meyer betrifft, ist es lange her, und wenn Menschen nach 2000 geboren sind, und inzwischen sind viele Menschen nach 2000 geboren, ist es unheimlich, unvorstellbar lange her. Aber es war auch einmal unheimlich wichtig für die Meyers, das wiederum wird sich jeder vorstellen können.

Schon deshalb braucht es einen Jahreskreislauf, gegenwärtig: die verflixte Suche nach den Körbchen und Pappeiern von 1977 bis 1985, den Mohrrübenförmchen von 2021, nach neuen Kaltfarben und weißen Eiern; dazu das Ausbalancieren der Stimmungen und Tätigkeiten in einer einigermaßen ernsten Woche, an deren Ende trotzdem karierte Eier und lustig bemalte Plätzchen auf dem Tisch stehen sollen. Die Herstellung karierter Eier mittels Abklebetechnik wird seit Jahrzehnten verfeinert und zeitigt dennoch bis heute mittelmäßige Ergebnisse. Die lustig bemalten Plätzchen sind eine Lockdown-Folge. Es muss immer etwas nachkommen, es kommt immer etwas nach.

Ma. trägt den Pulli von Mi., weil sie derzeit sehr, sehr große Pullis benötigt. Die kluge D. hat ihn, den Pulli, vor neun Jahren geistesgegenwärtig aufgehoben. Er ist auch wieder rasend modisch.

Roland Schulz schildert in seinem wegweisenden Buch „So sterben wir“ (Piper), wie es weitergeht: „Der letzte Mensch, der sich an dich erinnerte, ist tot. Und mit seinem Tod ist deiner vollkommen, weil du vollständig in Vergessenheit fällst, wie alle anderen vor dir.“ Ziehen wir ihn hinaus, diesen Moment. Und wenn er da ist, ist es nicht mehr schlimm.

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