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Von der Rolle

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Von: Judith von Sternburg

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Nach dem schlimmen Geräusch des Rollkoffers kommt lange nichts.
Nach dem schlimmen Geräusch des Rollkoffers kommt lange nichts. © Arno Burgi/dpa

Die schlimmsten Geräusche, gegen die man leider rein nichts sagen kann: Rollkoffer und der Biss in einen knackigen Apfel.

Wenn man zufällig einmal nach dem schlimmsten bekannten Geräusch sucht, jenseits von existenziellen Dingen und auch jenseits der Arbeitswelt, also kein Geräusch, dessen inhaltlicher Horror oder schiere Lautstärke zur Erstplatzierung führen, so wird man alsbald beim Rollkoffer ankommen. Der Rollkoffer ist ein verdammt naheliegendes Produkt für eher schwächliche Lebewesen, die sich auf zwei Beinen halten und ihren ohnehin ständig gestauchten Rücken halbwegs durchstrecken müssen. Rollkoffergeräuschhasser und -hasserinnen werden gleichwohl dankbar dafür sein, dass es nach der Erfindung des Rades noch eine Weile dauerte bis dahin.

Wer in der Nähe einer belebten U-Bahn-Station wohnt, hat zwar insgesamt ein frohes und vielfältiges Leben, aber es ist begleitet von den Rollkoffern all der anderen frohen und vielfältig lebenden Menschen, die fürs Wochenende pendeln oder sich sonst etwas vorgenommen haben. Dinge, für die man einen Rollkoffer braucht.

Interessant: Anders als das des Bonbonpapiers in einem Theatersaal ist das Geräusch des Rollkoffers auch für die Person gut, das heißt grauslig zu hören, die den Rollkoffer rollt. Es besteht also die Wahl, in einer Wolke von Rollkofferlärm seiner Wege zu ziehen oder den Rollkoffer zu tragen und sich zwar nicht verhasst, aber lächerlich zu machen. Auf der Berger Straße in Frankfurt kann man sich freitagmittags und montagmorgens, aber auch sonst eigentlich immer davon überzeugen, wofür sich die überwältigende Mehrheit eiskalt entscheidet.

Am Bahnhof oder Flughafen, wo sein Aufkommen herdenartig und der Boden glatt ist, ist ein Rollkoffer geradezu unbezahlbar. Wer Rollkoffer ansonsten trägt (ja, es muss ein wenig idiotisch aussehen), kommt hier lediglich in die Verlegenheit, am Rollkoffergriff zu zerren, bis er plötzlich doch schneidig durch die Schiene schnalzt. Das ergibt eine Art Rückstoß. Hier bleibt immer offen, ob man die Menschen beneiden soll, bei denen das Herausheben des Rollkoffers aus dem Zug und das Fortgleiten mit ihm eine einzige elegante Bewegung ist. Oder doch bemitleiden. Sie sehen jedenfalls fit und erwachsen aus.

Nach dem schlimmen Geräusch des Rollkoffers kommt lange nichts. Dann kommt der Biss in einen Apfel im öffentlichen Raum. Einen Apfel zu essen, ist eine überraschend langwierige Angelegenheit, um nicht zu sagen: Das dauert ja Stunden. Und man kann nichts dagegen sagen, es ist noch gesünder als der Rollkoffer und unter Umständen sogar die Entscheidung für ein regionales Erzeugnis. Wer einen Apfel am Tag isst, braucht nicht mehr zum Arzt. Dachten wir jedenfalls, als wir dachten, die Leute in England seien lustig, aber auch informiert.

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