Der gepflegte Vollbart hat in Berufen, bei denen das Tragen einer Maske verpflichtend ist, einen schweren Stand.
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Der gepflegte Vollbart hat in Berufen, bei denen das Tragen einer Maske verpflichtend ist, einen schweren Stand.

Times mager

Vollbart

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Der glückliche Bart- und wackere Maskenträger Sven hat es dieser Tage nicht einfach.

Der gepflegte Vollbart hat in Berufen, bei denen das Tragen einer Maske verpflichtend ist, einen schweren Stand. Abends, sagt Sven (Name von der Redaktion geändert) betrübt hinter seiner Maske, zeige sich ein Knick, der erst nach und nach wieder herauszustreichen sei. Der beiläufig und gewiss viel zu gleichmütig vorgetragene Gedanke, man könne den Bart doch einstweilen abnehmen, trifft Sven im Mark. Das ist nicht zu sehen, wegen der Maske und weil Sven ein Mensch mit Takt und Selbstbeherrschung ist. Aber Sven sagt es ja selbst: „Wissen Sie, ein solcher Vorschlag trifft mich im Mark.“ Es war nicht bös gemeint, es war einfach eine Dummheit.

Svens Reaktion dokumentiert aber, dass der Bart des Mannes und die zahlreichen, vermutlich sogar zahllosen damit zusammenhängenden Entscheidungen ein delikates und unübersichtliches Gebiet sind. Es ist ein zutiefst persönliches – der Bart sitzt mitten im Gesicht, damit fängt es schon an – und ein gesellschaftliches. Natürlich haben auch wir uns einst mit dem pfiffigen Heinz Rühmann in der „Feuerzangenbowle“ über die hilflosen Lehrer lustig gemacht, die Spleens und Bärte hatten, aber sonst nicht viel. Und erst viel später begriffen, dass 1944 zwischen Pennälerspäßen die alte Zeit des Kaiserreichs verspottet und die neue Zeit (im Film auch „neue Zeit“ genannt) der glatt rasierten oder ein Oberlippenbärtchen hegenden Herrschaften gewürdigt wurde. Letztere vertreten durch den smarten Dr. Brett, den Pfeiffer mit drei f ausdrücklich lobt. Dr. Brett ist der, der vom „schönen, geraden Wachstum“ angebundener Bäume spricht. Das wäre zum Beispiel ein guter Grund, sich sofort einen sehr ausführlichen Bart wachsen zu lassen.

Noch Anfang der Sechzigerjahre galt der vollbärtige Mann als verbrecherisches Subjekt, wie wir aus verbriefter Quelle wissen. 15, 20 Jahre später war der Bart wieder im jungdynamischen Teil des Lehrerkollegiums angekommen. Sportlehrer Z. trug ihn, Mathematiklehrer S. trug ihn. Deutschlehrer F. trug ihn nur zum Teil, als er nämlich erschöpft wieder vor der Klasse erschien und von der Geburt seines Kindes berichtete. Diese Geburt hatte sich über Tage hingezogen. Am Ende, so F., hätten seine Frau und er sich nur noch gewünscht, dass es endlich vorbei sei. „Und wenn ein Turnschuh rausgekommen wäre“, so F. zum – Sie können es sich vorstellen – absoluten Entsetzen der wie gelähmt dasitzenden Schülerinnen und Schüler.

Man muss nicht lange suchen, um halbwegs seriöse Maskenschnittmuster für Bartträger zu finden. Sven, der seinen eigenen Weg geht, benutzt das Internet allerdings nicht. Wir werden ihm einen Wink geben, einen zarten.

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