Der Knabe tut nix.
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Der Knabe tut nix.

Times mager

Vogelscheuche

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Das Verhältnis von Realität und Realismus ist ziemlich kompliziert. Da ist es gut, dass sich die Künste zuständig erklären.

Dass sich die Künste an einem Realismus interessiert zeigen, der der Realität nicht abbildartig folgen muss, ist nicht nur so dahingesagt. Zumal es in diesen Tagen und Wochen immer wieder hieß, die Künste seien eine ganz besondere Instanz im Verhältnis zur Wirklichkeit des Alltags, zum schnöden Corona-Alltag erst recht. Eine Distanz-Instanz, was sonst. Aber schauen wir mal, wie sich die Nach-Corona-Realität so entwickelt für die Künste.

Dass Realismus und Realität keinesfalls deckungsgleich sind, ist allerdings keine ganz so neue Erkenntnis. Nämlich ein Debattenthema, seitdem ein antiker Maler Proben seiner Kunst vorlegte, tatsächlich dermaßen täuschend echt gemalte Trauben in der Hand eines gemalten Knaben, dass die Vögel die Trauben des Zeuxis, so hieß der Realist, für die Wirklichkeit selbst nahmen und sie dem Knaben aus der Hand picken wollten.

Die Sache ist allerdings kompliziert. Denn so offensichtlich der Realismus der Früchte – warum zeigten sich die Tiere nicht abgeschreckt von der Gegenwart des gemalten Knaben? Weil sie sich auf ihren Instinkt verlassen durften, der ihnen sagt: Der Knabe tut nix.

Instinkt ist etwas, was in der Natur unmittelbar weiterhilft, in der Kunst ist es eher die Interpretation. Zumal das Verhältnis von Realismus und Realität weiterhin ein Spannungsverhältnis darstellt – man denke nur an solche Artefakte wie Vogelscheuchen. Realistisch gesehen, sind Vogelscheuchen alles andere als Kunstwerke. Dennoch der Versuch, durch die Darstellung eines Menschen den Wirklichkeitssinn (Instinkt) der Tiere anzusprechen. Abgerissen, wie sie daherkommen, sollen sie nicht nur abstrakt wirken, sondern abscheulich und abschreckend. Das ist ihr Realismus. Einer Variante der arte povera? Jedenfalls ist es ein Realismus, bei dem nicht einmal ein übertriebener Naturalismus (Abschreckung) aufgeht, sobald ein Vogel die Skulptur nutzt. Schon immer drastisch denkende Menschen sagen in einem solchen Fall, der Vogel verfahre nach dem Motto – Sie wissen schon.

Wenn es mal wirklich so glimpflich abginge für den Menschen. Denn das, was ein sich raffiniert wähnender Mensch zum Schein errichtet hat, führt das Tier als falschen (oder minderbemittelten) Realismus vor. Das Tier macht seinem Publikum klar: Um Menschen zu blamieren, reicht es, ihn zu frappieren. Das geschieht mit aller Selbstverständlichkeit. Als sei dem Tier klar, was, wenn er länger nachdenkt, nur dem Menschen bewusst wird. Dass nämlich Wirklichkeit zunächst einmal das ist, was sich von selber versteht. Kunst, jede Vogelscheuche führt es vor wie ein Denkmal, ist dagegen das, was sich nicht von selbst versteht.

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