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Völkerball

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Von: Judith von Sternburg

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Beim manchen Ballsportarten ist das Abwerfen völlig in Ordnung.
Beim manchen Ballsportarten ist das Abwerfen völlig in Ordnung. © Imago

Mit Gegenständen um sich zu werfen, womöglich noch auf andere, zeugt bei Mensch und Krake nicht von guten Nerven. Die Kolumne „Times mager“.

Heute: Lebewesen, die wütend mit Gegenständen werfen.

Da ist eine Frau, die ihren Einkaufsbeutel nach ihrem Begleiter schmeißt. Es ist keine Haue-mit-dem-Regenschirm-Szene, eher ein scharfes Abwerfen wie beim Völkerball, wenn der Spaß vorbei ist. Der Beutel befindet sich zwischenzeitlich frei schwebend in der Luft, was sehr riskant wirkt, riskant für die Einkäufe, für den Begleiter wäre es nur riskant, wenn die beiden Flaschen oder Steine gekauft hätten. Oder Waschmittel, Jogurtbecher oder Eier, insofern kommt doch eine Menge Risiko zusammen. Der Begleiter kann fast ausweichen. Er ruft etwas wie: Menno.

Bisschen erschreckend, aber auch abwechslungsreich. Wer eben noch missmutig auf die U4 gewartet hat, hebt den Blick und freut sich am Leben in der Bude, das weder einen selbst noch die eigenen Einkäufe betrifft. Mag sein, dass die einen denken: der arme Mann, die anderen: Sie wird ihre Gründe haben. Vielleicht denken im konkreten Fall mehr Leute: Sie wird ihre Gründe haben. Die Einkäufe der Frau dürften die einzigen Leidtragenden dieser Situation sein. Aber es klirrt nicht, es knackt nicht, auch dringt keine Flüssigkeit heraus. Was mag sich in der Tasche befinden? Salatköpfe? Toastbrot? Papiertaschentücher?

Auch wenn die Frau nicht wie eine Irre wirkt, auch wenn ihr Begleiter eine provozierende Schlaffheit ausstrahlt, hat ein hohes Aggressionspotenzial einen schlechten Ruf, völlig zu Recht. Ein hohes Aggressionspotenzial, das zum Schmeißen von Dingen führt, spricht nicht für Sittlichkeit und Selbstbeherrschung. Wer seine Sinne noch halbwegs beisammenhat, schmeißt Dinge nur im eigenen Haushalt und nicht auf andere Lebewesen. Radiowecker sind geeignet, früher auch Klapphandys, Gegenstände, die zwar wirkungsvoll aufprallen, aber oft wieder zusammengesteckt werden können. Weniger geeignet sind Glas und Porzellan wegen der langwierigen Belästigung durch Splitter. Stühle sind prima, können aber zu Beschädigungen des Bodenbelags führen. Auch schade, wenn der Stuhl kaputt ist.

Auf dem Nebenplatz und weil die U4 immer noch nicht da ist, sprechen zwei darüber, dass Soundso den Fernseher aus dem Fenster geworfen und sich dabei die Hand gebrochen habe. Leute, Leute, das geht zu weit.

Zu den Lebewesen, die Dinge nach anderen Lebewesen werfen, gehört nach neuen Erkenntnissen auch der Kraken Octopus tetricus (der finstere Oktopus). In einer australischen Bucht ist er dabei gefilmt worden, wie er „marine Sedimente“ (so die dpa überraschend borniert) gezielt auf Artgenossen warf. Muscheln, Gebröckel, was eben zur Hand war. Nein, natürlich nicht zur Hand.

Schon mal etwas unter Wasser geworfen? Es ist zum Wahnsinnigwerden. Die Bilder sind fabelhaft, die Deutung naturgemäß wackelig. Eventuell schließen wir schon wieder von uns auf andere.

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