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Times mager

Vier

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In einem entzückenden Biergarten bei den Bobos am Spittelberg.

Die gestern begonnene Serie über das Sprechen des Österreichers (Witzepräsident, leiwand) sollte keinesfalls einteilig bleiben, weshalb dieser Text zunächst den Eindruck erwecken wird, als setze er sie fort, um dann allerdings das Thema zu wechseln.

Schon auf dem Flug nach Wien, als der freundliche Steward einen Laptopnutzer fragte, ob er den Mist wegmachen könne, kam es zu einem irritierten Aufblicken des Angesprochenen, und der Steward beeilte sich zu sagen: „Müll“. Wesentlich erfreulicher war die Bemerkung einer Radiokollegin, sie habe einem ihrer Gesprächspartner das von ihr gewünschte Thema so richtig schön „reintheatert“, aber jetzt gehe sie ein Bier trinken am Spittelberg, wo die Bobos wohnen.

Der Spittelberg, erläuterte die Moderatorin ihrem unwissenden Gast, sei so etwas wie der Prenzlauer Berg in Berlin, und der Bobo, herübergeschwappt aus den USA schon vor eineinhalb Jahrzehnten, bezeichne bekanntlich den „Bohémien bourgeois“, allerdings sei natürlich nicht der Bobo herübergeschwappt, sondern die Bezeichnung. „Schwarz-grünes Bürgertum“, murmelte der deutsche Gast, und man einigte sich auf: Leute, die ihre Kinder Felicitas nennen und nicht Schanín.

Angekommen in einem entzückenden Biergarten am Spittelberg, platzierte sich die kleine Gesellschaft neben einem Vierertisch, an dem ein Bobo seinen Begleitern Unverständliches reintheaterte, und so wechselte das Gespräch von Sprachfragen zur Gruppendynamik, denn es kam, wie es immer kommt. Weltweit, wahrscheinlich.

Wenn Sie und Ihre Lebensbegleitung gelegentlich mit einem anderen Paar ein Restaurant aufsuchen, kennen Sie die Situation: Person eins will allen anderen sehr gern etwas reintheatern, aber nur Person zwei ist wirklich interessiert (zunächst). Diese beiden sind in der Regel die Männer. Person drei (Frau) wendet sich irgendwann ab und versucht, mit Person vier (ebenfalls Frau) ins Gespräch zu kommen, wobei die Geschlechteraufteilung auch variieren kann.

Nun ist zwar Person vier (seine Frau?) am Theater der Person eins nicht sehr interessiert, würde aber statt eines Zwiegesprächs mit Person drei lieber einen Austausch pflegen, an dem auch die von Person eins bespielte Person zwei beteiligt wäre. Auch Person zwei wäre daran nun gern beteiligt, stellt aber derzeit das gesamte Publikum von Person eins dar und wagt es nicht, sich von dieser abzuwenden.

Es ist ein kaum aufzulösendes Dilemma, es sei denn, die Getränke sind aus. Genau so kam es bei den Bobos am Spittelberg. Nach der Neubestellung sprachen alle vier durcheinander und die Welt war wieder in Ordnung.

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