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Verzicht

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Von: Michael Hesse

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Auch die Demonstrant:innen bei diesem Protest am Rande der UN-Weltklimakonferenz COP27 wünschen sich, dass unsere Welt vor dem Klimawandel gerettet wird.
Auch die Demonstrant:innen bei diesem Protest am Rande der UN-Weltklimakonferenz COP27 wünschen sich, dass unsere Welt vor dem Klimawandel gerettet wird. © Gehad Hamdy/dpa

Nur noch kurz die Welt retten - alles klar. Wie macht man das noch mal?

Einfach mal die Welt retten. Der Schriftsteller Frank Schätzing schrieb darüber, der Musiker Tim Bendzko sang darüber. Und die Klimaaktivist:innen, diese jungen Menschen, kleben sich dafür an allen möglichen Dingen fest. Wenn es nur so einfach wäre.

Die Welt durch Menschenhand zu retten, heißt, dass die Eingriffe eben genau die Wirksamkeit haben, die sich der Homo sapiens vorstellt. Die Wirklichkeit ist aber zumeist komplexer als die Vorstellung. Dennoch klingt es relativ einfach, wie man der Erderwärmung begegnen kann. Man filtert das CO2 aus der Luft heraus und gewinnt durch ein altbekanntes Verfahren (es war in der Nazizeit entwickelt worden, als man nur Kohle und wenig Öl zur Verfügung hatte) Kraftstoff daraus.

Technisch ist das durchaus machbar. Durch Energiezufuhr wird das träge Gas Kohlendioxid in Kohlenstoff und Sauerstoff gespalten. Prima, oder? Den Sauerstoff gibt man brav an die Luft ab. Den Kohlenstoff verarbeitet man zu einem Gas-Luft-Gemisch, aus dem dann in weiteren Stufen Benzin, Diesel oder Kerosin entstehen kann.

Ob das jemals in industriellem Maßstab machbar sein wird, ist eine sehr große und gewichtige Frage. Einige glauben das. Der technische Fortschritt würde der Menschheit also den Hals retten. Eine Alternative zur besseren Technik wäre der bessere Mensch. Er würde Verzicht üben auf Konsum, keine Langstreckenflüge mehr buchen, weniger Fleisch essen. In seinen alten Tagen würde der Homo sapiens zum Veganer.

Die Frage also ist: technische oder moralische Revolution? Viele hoffen heute, dass der Fortschritt die Lösung bringen wird. Dahinter steckt ein Glaube, der bereits den Umgang mit der Atomenergie begleitete. Er hatte einen großen Schwachpunkt, denn er fußt auf der Annahme einer kontinuierlichen Zunahme unseres Wissens und unserer Fähigkeiten. Ein Mensch, der in der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert lebte, wird diese Weltsicht geteilt haben. Doch ein Blick in die Geschichte offenbart, dass die Menschheit viele kulturelle Hochzeiten und Täler hinter sich gelassen hat. Auf die Epoche der großen Imperien mit ihren blühenden Kulturen folgten zumeist trübe Zeiten. Von dem, was die großen Geister ihrer Zeit an Technik und Kultur erschaffen haben, blieb häufig nur ein Rinnsal übrig. So geschehen im westlichen Europa nach dem Zerfall des Römischen Reiches.

Nur noch kurz die Welt retten? Nun, was bleibt uns anderes übrig? Angesichts der Zeugnisse vergangenener Epochen werden wir uns aber vor allem auf eine fast mönchische Eigenschaft festlegen müssen: den Verzicht.

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