+
Niemand schrieb je die wahren Sensationen auf, damit der Fischhändler dann die Seite und den Fisch zusammen bringen konnte.

Times mager

Verwertung

  • schließen

Früher war das mit der Zweitverwertung von Presseerzeugnissen so einfach - bis das Plastik kam. Was nun?

Kein Journalist schrieb je seine, keine Journalistin ihre Berichte – Mann beißt Hund; Elefant klettert aus Angst vor Maus auf einen Baum, fällt runter, bricht sich den Rüssel; Mädchen mit roter Mütze rettet Wolf vor Großmutter und vor dem Aussterben –, niemand schrieb je die wahren Sensationen dieser Welt auf, damit der Fischhändler dann die Seite nahm („Frau verschluckt Krokodil!“ versuchte die S. noch schnell auf sich aufmerksam zu machen), dazu den Fisch nahm, über den man sich gerade handelseinig geworden war, und ihn ins Papier einschlug.

Aber erstens kommt zuerst das Essen und dann die Bildung. Und zweitens macht da schon wieder ein Schreiberling alle Großmütter schlecht. Geschieht ihm recht, dass der Fisch alt ist, der nun in die Geschichte von dem Mädchen suppt, dem die Rettung einer bedrohten Spezies wichtiger war als die Achtung vor dem Alter.

Zeitungspapier wurde mittlerweile aber so sehr von allen anderen Aufgaben außer der der Informationsvermittlung entlastet – dafür hat schon das Plastik gesorgt und lässt es jetzt auch allerorten raushängen –, dass sich so eine Kolumne irgendwie dafür rechtfertigen muss, dass sie keinen direkten Nutzen mehr für den Lebensmitteltransport hat.

Aber was, wenn diese Zeilen den Kauf nicht weniger Ratgeber überflüssig machen würden, Ihnen, liebe Leserin, Ihnen, lieber Leser, also Geld sparen würden? Indem sie die wichtigsten der in den derzeitigen Bestsellern enthalteten Tipps und Weisheiten hier zusammenfassen? Zum Ausschneiden und an den Kühlschrank pinnen. Etwa:

Beginne deinen Tag, indem du eine Aufgabe abschließt (und nein, das Aufstehen an sich ist nicht gemeint, Anm. d. Red.). Sei du selbst, nur besser (z. B. mit Biowurst statt Discounterwurst auf der Stulle). Komm raus aus deinem Kopf und geh rein in dein Leben. Mach dein Bett (so einfach kann’s eigentlich nicht sein, Anm. d. Red.). Entrümple deinen Geist (selbstverständlich unter Beachtung der Regeln der Mülltrennung). Steh dir selbst nicht im Weg (lieber anderen). Atme, konzentriere dich, greife an (normalerweise genügt ja schon Nummer eins). Denke wie ein Krieger.

Und für Pazifisten, die gar nicht daran denken wollen, wie ein Krieger zu denken, sei eher dies herausgesucht: Rede über deine Probleme. Es genügt, wenn du kein schlechter Mensch bist. Aspirin hilft nicht nur gegen Kopfschmerzen, sondern auch bei gebrochenem Herzen. Schlechte Laune kann das Gedächtnis verbessern (echt jetzt?).

Wenn Sie nun also sauer sind und sich wünschten, mit dieser Seite die gute alte Hering- oder Kabeljau-Zweitverwertungsoption zu haben, bedenken Sie bitte, dass diese Zeilen immerhin etwas für Ihr Gedächtnis getan haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion