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Vertraut

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Von: Stephan Hebel

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Eine Waschmaschine.
Eine Waschmaschine. © dpa/(Symbolbild)

Seit 1899 gibt es den Elektrofachhändler - und er ist immer noch da.

Die liebe Verwandte I. aus G. verströmte diesen Hauch von Heimat, der mit „Vaterland“ wenig, mit Vertrautheit aber eine Menge zu tun hat. I. war zwar besorgt, denn ihre Waschmaschine zeigte Schwächen. Aber die Art, wie sie sagte „Dann muss ich halt zum B.“, trug die ganze Schönheit eines Ortes in sich, dessen Bevölkerung, woher sie auch gebürtig kommt, ihre Waschmaschinen bei einem seit 1899 familiengeführten Elektrofachhandelsgeschäft erwirbt. Und im Zweifel reparieren lässt.

Dieses Fachhandelsgeschäft heißt so wie der Gründer und nicht wie ein Planet, und es existiert nur einmal. Es strahlt keine Spots aus, in denen etwas von angeblich geschenkter Mehrwertsteuer gefaselt wird. Es ist einfach immer noch da, im Gegensatz zu vielen anderen vertrauten Orten, die schon lange verschwunden und durch Matratzenhandelsfilialen oder vegane Speiseeisbuden ersetzt worden sind.

Nur ein ganz klein wenig wird der nostalgische Schimmer gestört, wenn wir auf der Elektrofachhandels-Homepage lesen: „Das neue Beleuchtungskonzept, bei dem auf ausgewogene Relation von Allgemein- und Akzentbeleuchtung geachtet wurde, bewirkt eine optimale Präsentation der Produkte.“ Naja, denken wir, die soundsovielte Generation war im Management-Kurs, die reden auch bald wieder normal.

Mit dem Kaffeehaus in F. ist es auch nicht anders als mit dem Elektrofachhändler B. in G. Es existiert zwar nicht seit 1899, aber es gibt uns das Gefühl, es sei schon immer dagewesen, sogar ohne neues Beleuchtungskonzept. Der tägliche Besuch hat sich leider erübrigt, das Kaffeehaus liegt nicht mehr am Heimweg von der Arbeit, was nicht am Kaffeehaus liegt (das liegt, wo es immer lag), sondern am Homeoffice. Ergibt sich aber doch mal ein Aufenthalt, dann ist es sofort wie immer, und wir denken: Was für ein Privileg in dieser Welt voller Zerstörung, einen solchen Ort zu haben!

Und die Menschen, die für ihn sorgen, die ihn pflegen und es irgendwie schaffen, dass wir es nicht mal merken, wenn sie die Wände neu gestrichen haben. Aber genau an dieser Stelle mischt sich leise Trauer ins Vertrautheitsgefühl: N., der eine Gründer, ist schon länger im Ruhestand. H. eins und H. zwei (oder umgekehrt, nur keine Hierarchie!), also die beiden anderen Gründer, hatten jetzt auch ihren letzten Tag. Sie werden sehr fehlen, aber wir sehen uns, hoffentlich, und es gibt einen gewissen Trost: Der Elektro-B. in G. wird auch nicht mehr vom Gründer geführt, aber er lebt, und die Waschmaschine funktioniert.

N. und H. eins und H. zwei haben keine Kinder, aber Nachfolger haben sie: Viel Glück mit dem Kaffeehaus, R. und T.!

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