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Vertrauen

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Von: Michael Hesse

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Ist der Kitt des Vertrauens aus den Fugen des demokratischen Gebäudes erst einmal herausgekratzt, fallen Demokratien wie Kartenhäuser in sich zusammen.
Ist der Kitt des Vertrauens aus den Fugen des demokratischen Gebäudes erst einmal herausgekratzt, fallen Demokratien wie Kartenhäuser in sich zusammen. © Imago

Vertrauen in die Zukunft ist immer möglich. Wenn alles futsch ist, sehen optimistische Menschen eine gute Ausgangslage für einen Neuanfang.

Vertrauen in die eigene Stärke kann Berge versetzen. Der Verlust von Vertrauen allerdings auch. Das war das Ergebnis des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Daniel Ziblatt. Er hatte sich die Frage gestellt, warum Demokratien scheitern, und unter gleichnamigen Titel das Ergebnis in Buchform präsentiert. Einer der Hauptgründe ist der Vertrauensverlust in die politischen Institutionen. Ist der Kitt des Vertrauens aus den Fugen des demokratischen Gebäudes erst einmal herausgekratzt, fallen Demokratien wie Kartenhäuser in sich zusammen.

Wie gefährlich diese Defizienz sein kann, erleben aber nicht nur Demokratien. Auch in China wird der Protest der Menschen, die ihr Vertrauen in die Covid-Politik der Regierung verloren haben, als ernstzunehmende Bedrohung gesehen. Die Vielzahl an Polizeikräften spricht Bände.

Noch fundamentaler ist hingegen die Vertrauensfrage in der Klimapolitik. In diesem Kontext steht ein bereits vor zwei Jahren publiziertes Buch. Titel: „Diese Zivilisation ist am Ende“. Es beinhaltet ein Gespräch zweier Forscher über die Erderwärmung.

Sie diskutierten in „rückhaltloser Aufrichtigkeit“, um ein möglichst wahres Ergebnis erzielen zu können. Und so plauderten Rupert Read und Samuel Alexander drauflos. Alexander stellt die Frage, so wie einst der griechische Philosoph Sokrates seine Gesprächspartner „gemolken“ hat, und Read antwortet mit schonungsloser Härte. Man könne sein Bewusstsein gar nicht anders bilden in der Frage des Klimawandels, so Read, als in den Abgrund zu schauen mit einer Skizzierung dessen, was im schlimmsten Fall kommen könnte. „Unsere Zivilisation bricht zusammen, gänzlich und endgültig“, so Reads Skizze einer möglichen Entwicklung. „Die Menschengattung verschwindet von der Erde.“ Oder, zweite Möglichkeit, „es gelingt uns, den Keim für eine Nachfolge-Zivilisation zu legen, die aus der Asche der kollabierenden alten erstehen könnte“. Und eine dritte Variante laute: „Der Zusammenbruch wird vermieden, weil unsere Zivilisation das Ruder doch noch radikal und rasch herumreißt.“

Das letzte der drei Szenarien sei mittlerweile das unwahrscheinlichste, fürchtet er. Denn selbst wenn der Fall einträte, wäre es nicht nur wie ein Wunder der sofortigen Umkehr, sondern auch so grundstürzend, dass die alte Zivilisation so, wie wir sie heute kennen, nicht fortexistieren würde. Ein radikaler Vertrauensverlust? Mitnichten. Selbst in der dunkelsten Stunde scheint das Vertrauen in die Zukunft nicht zu versiegen. So sagt Read: Wenn wir einmal akzeptiert hätten, dass diese Zivilisation am Ende sei, wären wir frei, einen neuen Anfang zu suchen. Die Alternative sei zu schrecklich, um nicht den Mut und das Vertrauen aufzubringen, darüber nachzudenken.

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