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In einer Worddatei kann man all das, was einem beim Nachlesen allzu intim erscheint, schnell mal löschen oder neu gestalten. Ein handgeschriebenes Tagebuch macht da mehr Arbeit, besitzt dafür aber viel mehr Charme als so ?ne öde Datei.

Times mager

Versteck

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Nach 300 Jahren etwas finden, das ein Tagebuch-Schreiber verschwinden lassen wollte: Das ist ein Ding.

Eine schöne Geschichte über eine unschöne Geschichte. Der britische „Guardian“ berichtete soeben davon. Der Seefahrer Edward Barlow hinterließ bei seinem Tod 1706 – sein Schiff ging vor Mosambik unter – ein Tagebuch, das durch seine wunderhübschen maritimen Bilder und seinen in sorgfältiger Handschrift dargelegten Inhalt zu einiger Bekanntheit kam.

Erst jetzt – in den vergangenen Jahren, diese Mühlen mahlen allmählich – schaute ein Forscher es so sorgfältig an, dass ihm auffiel, wie Barlow an einer Stelle nachträglich eine kaum noch erkennbare Überschreibung vorgenommen hatte. Es handelt sich um eine Passage, in der Barlow schildert, wie er seine spätere Ehefrau kennenlernte, Mary Symons, eine junge Hausangestellte, die er während eines Aufenthalts in England offenbar vergewaltigte oder es jedenfalls versuchte – zu ihr ins Bett stieg, so Barlow, nicht mehr herausgehen wollte, so Barlow weiter, sie auf eine Weise bedrängte, die weder gesetzestreu noch höflich war, so auch wieder Barlow, und allerdings nicht „in sie hineinkam“, auch wenn er „etwas in der Art“ versuchte, wie Barlow festhält. Später heiratete er sie. Man muss davon ausgehen, dass ihm seine Offenheit von einst peinlich war. In der neuen Version ist seine Braut eine flüchtige Bekannte. Die Ehe war laut Barlow glücklich, womit er nach eigenem Bekunden nicht gerechnet hatte, und auch kinderreich.

Dass Barlow ein Sexualstraftäter war, stellte sich also mit 300 Jahren Abstand heraus. Ehrlich gesagt ist das interessanter als der Fall selbst (obwohl der Fall auch interessant ist, dieses muntere Erzählen, dann dieses Unbehagen, das buchstäbliche Vertuschen). 300 Jahre aber, um ein kleines Textversteck wohlbehalten wiederzufinden: nicht schlecht. Unwahrscheinlich, dass das mit einer überschriebenen Worddatei möglich wäre. Unwahrscheinlich, dass es in 300 Jahren noch etwas gibt, das einer Worddatei auch nur im mindesten ähnlich ist. Wie rührend ist angesichts der atemberaubenden Vergänglichkeit einer Worddatei der schicke Pfeil, der gegenwärtig bei ihrem Wiederöffnen auf die Stelle zeigt, an der man zuletzt gearbeitet hat.

Edward Barlow, der von solchem Schnickschnack nichts wusste, aber auf selbstgezogenen Linien schrieb, unterschätzte gleichwohl die Langlebigkeit der unter einer anderen Nachricht verstauten Nachricht. Riss die Seite nicht heraus. Vergaß sie vielleicht, weil das Leben ja weitergeht. Und so lebendig ist, dass wir aus dem Blick verlieren, wie uns die Dinge fast allesamt überdauern. Nur weil gelegentlich eine Handyrückseite zerbricht. Theodor Vischer würde sagen: Die tückischen Objekte spielen uns bloß vor, dass wir länger leben als sie.

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