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Vernunft

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Von: Michael Hesse

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„Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, nur um tierischer als jedes Tier zu sein“. legt Goethe im Faust dem Mephistopheles in den Mund. Der Holzschnitt zeigt einen Ausschnitt aus Ernst Barlachs „Faust und Mephistopheles 2“.
„Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, nur um tierischer als jedes Tier zu sein“. legt Goethe im Faust dem Mephistopheles in den Mund. Der Holzschnitt zeigt einen Ausschnitt aus Ernst Barlachs „Faust und Mephistopheles 2“. © Imago

Reichen die Erkenntniskräfte des Menschen überhaupt aus, um die unübersichtlich gewordene Welt zu verstehen?

Bei Molière heißt es: „Der Mensch ist ein vernünftig Wesen. Wer’s glaubt, der ist nie Mensch gewesen.“ Und von Goethe lässt sich hinzufügen: „Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, nur um tierischer als jedes Tier zu sein.“ Das erklärt ein gewisser Mephistopheles im Faust. Die Vernunft des Menschen ist es, die ihn befreit von Aberglaube und Esoterik. Aber reicht sie aus, um auch auf den Glauben zu verzichten?

In einer Zeit der neuen Unübersichtlichkeit scheinen die Erkenntniskräfte des Menschen nicht mehr auszureichen. Die Entwicklungen sind nicht allein rasant, sie sind auch zu komplex, um ein ganzheitliches Bild von der Welt zu gewinnen. Durch eine „Zwillingsrevolution“ von Künstlicher Intelligenz und Biotechnologie wird uns noch Hören und Sehen vergehen, glaubt der israelische Bestseller-Autor Yural Noah Harari. Die Gegenwart sei gekennzeichnet durch eine radikale Unsicherheit und verbunden mit der Aufgabe, ein neues Narrativ, eine neue Erzählung also für die Zukunft zu erfinden.

Nur, was ist ihr Inhalt? Für Harari besteht dieses Narrativ im Kern aus einer säkularen Haltung, in der die Suche nach Wahrheit die eine, und das Mitgefühl für das Leiden der Anderen die andere Verpflichtung ist. Man könnte das eine „aufgeklärte Mitleidsmoral“ nennen. In diesem Fall benötigen wir also keine der großen Religionen unserer Zeit mehr, um uns moralisch zu verständigen: Sind Christentum, Islam, Hinduismus oder Buddhismus folglich überflüssig, wenn das Wissen regiert und der Glaube verzichtbar ist? Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas spürte in seinem Alterswerk auf rund 2000 Seiten diesem spannungsreichen Verhältnis von Glauben und Wissen nach. „Es ist die Religion, Dummkopf“, auf die alles ankommt, sagt er zwar nicht. Doch dass Glaube und Wissen nicht zwingend Gegensätze sind, wird seit mehr als 1000 Jahren heiß diskutiert. Die Attraktivität von Religion findet ihren Grund darin, dass es ja sein könnte, dass alles, was wir wissen und zu verstehen glauben, eben doch nur einen kleinen Bereich eines Umfassenderen ausmacht.

Es besteht der Verdacht, es könnte etwas fehlen in unserer durchrationalisierten Welt. Das liegt auch daran, dass die Spezialisierungen eben nicht allein die Naturwissenschaften erfasst haben, sondern auch die Philosophie. Die Frage nach der Ganzheit des Lebens, nach Sinn, einem umfassenden Orientierungswissen findet keine Antwort mehr. Es gibt Menschen, die können und wollen sich nicht damit abfinden. Was ihnen bleibt, ist der Gedanke des Nihilismus, die Befürchtung, dass alles, was ist, letztlich nichts wert und sinnlos ist.

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