Jules-Verne-Leser wissen: Der Mittelpunkt der Erde ist eine Reise wert.
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Jules-Verne-Leser wissen: Der Mittelpunkt der Erde ist eine Reise wert.

Times mager

Vernunft

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Warum sollte man sich nicht, bei genügend Elan, auf die andere Seite der Erde graben können?

Jung und Alt machen sich am Strand ihre Gedanken. Ferdinand, Ludwig, Katharina und Leopold, die offenkundig für Höheres bestimmt sind, graben vorerst das tiefste Loch weit und breit. Einer der Prinzen, äh, Knaben wüsste gerne, ob man sich auf die andere Seite, also die andere Seite der Erde, durchgraben könnte. Das ist eine berechtigte Frage, es gibt wohl kein Kind auf dieser Welt, das sich, sobald es zum ersten Mal nachgiebigen Untergrund erreicht hat, nicht damit befassen würde.

Während die älteren Geschwister sich trotzdem kringeln vor Lachen über den doofen Bruder – was sie nicht hindert, zu buddeln wie verrückt, der Funke der irren Möglichkeit tut bereits seine Wirkung –, widerspricht der Vater nicht direkt. Er freut sich darüber, und angesichts des gegenwärtigen Gesamtniveaus zu Recht, dass die Kleinen die Grundform der Erde verstanden haben. Er warnt vor der Unfallgefahr („Leopolds Kopf muss immer noch rausgucken können, sonst gibt’s Ärger“), aber ebenso schon einmal vor der Hitze dort unten, und er spekuliert – offenbar als Jules-Verne-Leser zunehmend in Stimmung geratend – über andere mögliche Unwägbarkeiten. Landschaften und Lebewesen möge es dort geben, sagt der Vater, wer wisse das schon genau.

Im Strandkorb nebenan geht es hingegen um das alte leidige Thema, ob ein Schutzumschlag ein geeignetes Lesezeichen ist. Selbstverständlich ist ein Schutzumschlag ein geeignetes Lesezeichen, das Wort Schutzumschlag ist sozusagen ein anderes Wort für geeignetes Lesezeichen. Aber das sehen einmal wieder nicht alle so. Ein geeignetes Lesezeichen, heißt es nun, sei ausschließlich ein schmales Rechteck aus dünner Pappe. Zudem sei es erst recht lachhaft, einen Schutzumschlag als Lesezeichen zu benutzen, wenn am Buch sogar ein Lesebändchen befestigt sei. Das Lesebändchen trumpfe alles. Dass viele Menschen das Lesebändchen erst verwenden, wenn sie es beim Lesen erreicht haben, wird dabei wie so oft ignoriert. Diese Menschen haben aber Gründe dafür, auch wenn sie diese Gründe nicht unbedingt ausführen können. Nein, natürlich ist das kein Zwang, davon kann keine Rede sein.

Unterdessen stellt der Vater in Aussicht, dass vielleicht auch gigantomanische Kraken im Erdinneren auf Buddelnde warten. Bleibt zu hoffen, dass Ferdinand, Ludwig, Katharina und Leopold ihn gut genug kennen, um den Übergang von der Info zum Unfug zu bemerken. Und dass auch im Strandkorb der Verstand siegt und Lesebändchen künftig fest im Buch bleiben, bis wenigstens ihr loses Ende der lesenden Person entgegenzipfelt. Es ist allenthalben ein schmaler Grat zwischen Unvernunft und Vernunft.

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