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Immerhin: Jeremy Irons verkörperte die Romanfigur Tom Crick in „Waterland“ von 1993.

Times mager

Verfilmung

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Und dann wird einem klar, dass man Romanverfilmungen noch nie leiden konnte. Die Feuilleton-Kolumne.

Als Stephen Gyllenhaal 1992 den damals zehn Jahre alten Roman „Waterland“ von Graham Swift verfilmte, wechselte der Schauplatz vom englischen Greenwich flott ins US-amerikanische Pittsburgh. Darüber könnte man sich nun totärgern – nicht nur als Greenwicherin oder Greenwicher –, aber Swift, vor kurzem 70 geworden, bleibt in seinem aktuellen Essayband „Einen Elefanten basteln“ gelassen (gewundert habe er sich zunächst schon, sehr gewundert). Er weist darauf hin, wie fabelhaft es sei, wenn eine eigene Romanfigur von Jeremy Irons gespielt werde.

Das ist geschäftstüchtig, könnte man wiederum sagen, aber es ist auch cool. Denn eines ist merkwürdig: Während Theatern ihre Romanadaptionen um die Ohren gehauen werden – zu Recht –, sind Romanverfilmungen ein allgemein anerkannter Kulturbeitrag. Respektvoll sagte schon die Großmutter: Oh, es ist eine Romanverfilmung.

Der Sommer, Zeit des Nachdenkens, während man friedlich und bloß ganz leicht gereizt im gleichnamigen Loch herumlungert, gibt nun jedoch Gelegenheit, sich im Klaren darüber zu werden, dass man Romanverfilmungen womöglich noch nie leiden konnte, und zwar ganz substanziell. Die Lektüre des Sommers lässt voller Sorgen den Verfilmungen von Terézia Moras „Auf dem Seil“ (ein rundlicher Älterer und eine heikle Jugendliche auf Sizilien / in Berlin), Nicolas Mathieus „Wie später ihre Kinder“ (Jungen in der trüben französischen Provinz) oder Sally Rooneys „Gespräche mit Freunden“ (Mädchen in Dublin) entgegensehen.

Das Wetter in diesen Büchern ist entweder sehr gut oder sehr schlecht, jedenfalls plastisch. Es handelt sich um Romane mit tausend Details, man sieht vor sich, was man liest, und riecht und hört es auch, die Dialoge sind der Hammer, die Figuren und die Schauplätze so nahbar, als wäre man bereits mittendrin. Man mag die Figuren sehr, aber deshalb will man sie nicht sehen.

Es gibt Ausnahmen von dieser Regel, einer der vergeblichsten und ungehörtesten Regeln der Welt. Zu den Ausnahmen gehört Peter Weirs „Picknick am Valentinstag“ (1975), der die Romanvorlage von Joan Lindsay (von 1967) bei weitem übertrifft. Wer zum Beispiel nicht nur Romanverfilmungen nicht leiden kann, sondern sich auch ostentativ wenig für Australien interessiert, wird dieses eine Mal, während der Spieldauer dieses hervorragenden Films, beides außer Acht lassen. Anschließend fällt es einem dann wieder ein, man bucht ein Wochenende auf Föhr, legt Beethoven auf und kauft sich Joan Lindsays Roman, der aber, wie gesagt, hinter der verbotenen Hitze zurückbleibt. Er bietet auch nicht die Auflösungen, die man jetzt dringend bräuchte. Unaufgelöste Rätsel, auch so ein Mist.

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