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Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald.

Times mager

Die Varusfalle

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Nicht wenige Indizien sprachen dafür, dass, wie Spötter sagten, nicht alle Wege nach Rom führten, einen Hinterhalt.

Um sich ein Bild von einer der historischen Niederlagen Roms machen zu können, führten zuletzt alle Wege nach Kalkriese. Ein archäologisches Feld in der norddeutschen Tiefebene, auf dem seit einigen Jahren ein Museum steht, um an ein historisches Ereignis zu erinnern, an den Zusammenstoß römischer Legionen mit germanischen Truppen im Jahr 9 n. Chr., so dass Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2009 gerne kam, um zum Zweitausendjährigen eine prächtige Ausstellung zu eröffnen, im Grunde drei, neben der in Kalkriese auch eine in Detmold und eine in Haltern.

In Haltern wegen des Römerlagers, von dem die Legionen aufbrachen. In Detmold, weil immer schon die Gegend im Teutoburger Wald als der Ort der für die Römer vernichtenden Niederlage galt. Stichwort: Hermannsdenkmal. Dort, am Erinnerungsort, dürften millionenfach bereits Kleinkinder examiniert worden sein. Denn wer sprach: Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder. Richtig, der römische Kaiser Augustus, dessen Klage kein Geheimnis geblieben ist, sondern vielmehr geschichtsnotorisch wurde.

Allerdings wurde die große Germanenschlachterzählung, die nicht nur Generationen von Kindeskindern der Cherusker verfolgte, sondern auch zu allem entschlossene Chauvinisten umtriebig machte, ein wenig dadurch irritiert, dass seit Ende der 1980er Jahre Kalkriese, ein Flecken Erde nördlich von Osnabrück, zum Ort der Schlacht aufstieg. Kein nationalistisches Denkmal markiert heute die Stätte, sondern ein eindrucksvolles Museum, in dem die archäologischen Funde, die für eine vernichtende Schlacht sprachen, präsentiert werden.

Unvergessen, dass in die Varusschlachtarchäologie durch einen Hobbyarchäologen Bewegung kam. Wie immer, wenn Dilettanten auf den Plan treten, tun sich die Vollprofis schwer. Wenn jetzt der Chefarchäologe von Kalkriese, Salvatore Ortisi, sich äußert, tut sich die Fachwelt leichter. Wo also wurden die Römer durch Germanenlist und Guerillataktik zu Tausenden niedergemacht? Nicht wenige Indizien sprachen dafür, dass, wie Spötter sagten, nicht alle Wege nach Rom führten, sondern in eine Reuse, einen Hinterhalt. Die Falle bestand aus Wällen, die die Germanen angelegt haben sollen, und die jetzt den Römern zugeschrieben werden. Auch neue Münzfunde irritieren – es sind natürlich nicht die ersten, sondern weitere, so dass man wieder vorsichtiger sein muss. Ortisi rückt nicht vollständig ab von dem, was aller Welt zuletzt vertraut schien. Die Neufunde lassen ihn die Varus-Legende nicht verwerfen, anstelle der Varusschlacht spricht er von einem „Varusereignis“. Obacht ist also geboten. Die Archäologie ist ein weites Feld, ein von Fallen wimmelndes Indizienfeld.

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