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Es können nur die Betrachteraugen sein, die das Bild von van Gogh ausleuchten.

Times Mager

Van Gogh: Lichtquelle

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Gar geheimnisvolle die lichtdurchfluteten Räume des Malers, wie sie jetzt in Potsdam zu sehen sind.

Wo viel Licht ist, und bei ihm war enorm viel Licht, war jedoch nur wenig Schatten, erstaunlich! So kann man es in Potsdams Museum Barberini in einer Ausstellung sehen, die ausschließlich Stillleben versammelt. Das erste Bild aus dem Jahr 1881, „Stillleben mit Kohl und Klumpen“, sehr dunkel, dominiert von tonigen Brauntönen, so dass das fahle Gemüsegelb umso stärker wirkt, markiert den Beginn der Entwicklung – und weist noch Schatten auf, den Kohlköppe und Klompen (Holzpantinen) auf dem schlichten Tisch werfen. Van Gogh ist 27; 27 van Goghs insgesamt im Barberini.

Das letzte Bild, „Blühende Kastanienzweige“, prunkt geradezu mit Farben, sie strotzen im Mai 1890 vor Vitalität, wenige Wochen vor dem Suizid van Goghs am 29. Juli. Der Pinsel wie entfesselt, der Maler spricht in einem der berühmten Briefe an den Bruder Theo von neuem Selbstbewusstsein. Eine vibrierende Malweise, die grünen Blätter, die weißen Blütenripsen vor einem strahlend blauen Hintergrund. Das Licht muss direkt von vorne kommen, dort, wo der Betrachter steht. Kein Schatten. Ja, mehr noch, der Betrachter muss die Lichtquelle sein, in Höhe der Kastanienzweige, wie hoch oder wie niedrig das Bild auch gehängt sein mag.

van Gogh: Bilder sind strahlendem Licht ausgesetzt - Schatten gibt es kaum

Der gemalte Gipstorso der Venus, entstanden im Juni 1886, zeigt eine Frau, deren Schatten nur noch einer seiner selbst ist. Gar geheimnisvoll das ein Jahr später gemalte Restaurant, in dem lichtdurchfluteten Raum, einem vehementen Farbenspiel des Pointilismus, ist der Schatten räumlich präsent. Auch andere Bilder setzte der Maler einem strahlenden Licht aus, jedoch einem dermaßen intensiven Licht von oben, so dass der „Korb mit Zitronen und einer Flasche“, gemalt im Mai 1888 unter der Sonne von Arles, allenfalls einen schmalen Schatten wirft. Nichts Flächiges, bloß Linien, blassblau. Mögen Teller, Zwiebeln, Pfeife und ein Buch (für gesunde Ernährung) in einem weiteren Stillleben Schatten von breiterem Raum werfen, so zeichnet eine unstete Linie einem Briefumschlag entlang eine schmale Spur, ein himmelblaues Halblicht. Der Dämmer als eine eigene Lichtquelle?

Die Dinge so zu zeigen, hatte Methode. Blumen stehen vor einem Hintergrund in ihrer zitternden Plastizität wie leuchtende Scherenschnitte. Denn der Maler nahm sich den Betrachter als Lichtquelle, und van Gogh ging noch weiter, so geht es einem mit einem Male auf. Denn damit der Betrachter nicht Schatten wirft auf das Bild, können es nur die Betrachteraugen sein, die das Stillleben ausleuchten, vollständig, gleichmäßig, vollkommen.

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