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Va, pensiero

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Von: Judith von Sternburg

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Vor 180 Jahren wurde Giuseppe Verdi berühmt.
Vor 180 Jahren wurde Giuseppe Verdi berühmt. © dpa

Genau 180 Jahre „Nabucco“ und der zweitberühmteste Chor der Welt. Passt schrecklich gut.

Heute vor 180 Jahren wurde Giuseppe Verdi berühmt. Unerhört erfolgreich die Uraufführung des „Nabucco“ an der Mailänder Scala, und das obwohl die Menschen die berühmteste Nummer des Werks – keine Arie, sondern ein Chorstück, das zweitberühmteste Chorstück der ganzen Welt – noch nicht richtig mitsingen konnten. Bald aber schon. Dabei hatte Verdi – Mitte 20, vom Schicksal privat und beruflich niedergeschlagen – wenig Interesse daran, weiter zu komponieren. Giuseppe Verdi, das muss man sich einmal vorstellen. Es ist, als wäre Gott nach den Fischen weggegangen, und wir wollen hier nicht ausdiskutieren, ob es Gott gibt und ob es der Erde alleine mit Fischen nicht besser ergangen wäre. Die Antworten liegen auf der Hand. Es geht bloß um den Vergleich.

E rzählt wird, Scala-Impresario Merelli habe Verdi das Libretto in die Manteltasche gestopft und dieser es zu Hause auf den Boden geschmissen. Geöffnet habe es sich dabei just an der Stelle „Va, pensiero, sull’ali dorate“, den Älteren unter uns noch vertraut mit den Worten: „Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen“. Verdi, heißt es, habe daraufhin unverzüglich die Arbeit aufgenommen.

E s gibt offensichtlich keinen anderen Song, der den Eindruck von friedfertigem Freiheitsdrang im Kollektiv so adäquat vermittelt. Friedfertiger Freiheitsdrang im Kollektiv, da ist man als halbwegs zufriedenes Mitglied einer durchindividualisierten Gesellschaft misstrauisch – der Musik, aber vor allem sich selbst gegenüber. Zu Recht. Auch im Faschismus konnte „Va, pensiero“ prima gespielt werden. In den Krieg lässt sich mit dem wiegenliedhaft versonnenen Klagechor allerdings doch schwerlich ziehen. Und auch wer die Fischerchorhaftigkeit der Nummer immer ominös fand, kann sich ihr noch lange nicht entziehen, wenn sie ihm wieder entgegentritt.

I rgendwo auf der Welt oder überall ist immer die perfekte Zeit für „Va, pensiero“. In diesen Tagen steht es auf dem Programm von Benefiz- und Solidaritätskonzerten für die Ukraine, von Berlin über Mannheim bis New York. „O mia patria sì bella e perduta“, es wird immer wieder von anderen Menschen neu verstanden, oft falsch, diesmal schrecklich richtig. Schön, wenn Dirigenten und Dirigentinnen es ins Programm nehmen. Schwierig, wenn sie damit eine Schwierigkeit haben. Politisch ist es so oder so.

A uch wer nie eine Fahne schwenken will oder mit einem Fähnchen wedeln, kommt derzeit gerne in eine fremde Stadt, in der ein Hochhaus gelb-blau leuchtet. Und mag es, dass das Museumsorchester in Frankfurt neulich teils gelbe, teils blaue FFP2-Masken trug, als sei es eine Selbstverständlichkeit, das zivile Mindeste.

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