Kekse, die nicht krachen und stets ein Glas Milch. 
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Kekse, die nicht krachen und stets ein Glas Milch. 

Times Mager

Die Guten waren gut, die Bösen böse – und alle hatten weiße Haut

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Was US-amerikanischen TV-Küchen anzusehen ist, lässt tief blicken.

Die US-amerikanischen Küchen unserer Kindheit waren voller unglaublicher Dinge. Sie beherbergten mehr Wunder als der Mars. Vermutlich. Es waren ja nicht unsere US-amerikanischen Küchen, sondern die im TV.

Es gab dort hochhaushohe Kühlschränke, in denen immer eine Milchflasche stand. Der junge Held trank und stellte die Flasche offen auf den Küchentisch. Mutter („Ma“) würde sie wegräumen, denn der junge Held hatte jetzt bedeutend Wichtigeres zu tun. Gerade war Lassie bellend in die Küche geprescht (oder Flipper hatte durchs Fenster gewiehert), es musste etwas passiert sein, sicher hing jemand kopfüber in einer Felsspalte oder wurde von einem Hai verfolgt, wen scherte da noch eine dem Sauerwerden geweihte Flasche Vollmilch?

Die Küchenszene nachzuspielen scheiterte stets daran, dass die eigene Milch nicht etwa von einem coolen Typen auf einem coolen weißen Fahrrad vor die coole weiße Veranda mit dem grünen Rasen drum herum gebracht worden war. Die eigene Milch befand sich in einem Plastikschlauch aus dem Konsum. Ihn galt es in einen Kunststoffbehälter mit Griff zu bugsieren und oben eine Ecke abzuschneiden. Um die Milch ins Glas zu gießen, brauchte der junge Held zwei Hände, sonst machte der gakelige Milchschlauch, was er wollte. Wären jetzt Lassie, Skippy oder Flipper bellend in die Küche geprescht, hätte das eine veritable Sauerei gegeben. Abgesehen davon, dass Flipper – obwohl, in US-amerikanischen Küchen war alles möglich.

Beispielsweise gab es in US-amerikanischen Küchen gewisse Kekse, in die man beißen konnte, ohne dass es kracht. Ernsthaft. Der junge Held biss in den Keks, ganz Fernsehdeutschland wartete auf das zugehörige Geräusch, es kam nichts. Auch beim Kauen: Stille. Unsere Kekse krachten und krümelten. US-amerikanische nicht. Dazu ein Glas Milch. Wir mussten tunken. Dann ging’s leise. Das war der Unterschied zwischen einer US-amerikanischen und einer hessischen Kindheit. Der lässige US-Boy trank, aß und rettete die Welt, der Hessen-Bub krachte, krümelte, tunkte und wischte den Tisch selbst ab, denn Ma würde ihm einen Vogel zeigen, und wozu? Zu Recht.

An der Wand neben dem Empire-State-Kühlschrank hing ein Telefon mit 17 Meter langem Kabel, das sich nicht verhedderte, egal, wie sehr man (also Ma) dran zog. Alle trugen weiße Turnschuhe. Die Guten waren gut, die Bösen böse. Praktisch alle hatten weiße Haut. Eigentlich war klar, dass irgendwas nicht stimmen konnte in den US-amerikanischen Küchen unserer Kindheit.

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