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Urlaubspost

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Von: Sylvia Staude

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Es zählt der gute Wille.
Es zählt der gute Wille. © lianem/Imago

Vom Schreiben von Ansichtskarten bzw. Netz-Nachrichten. Es regnet, was für ein Glück!

Als eine Urlaubsreise noch ausschließlich mit der Sorge verbunden war, wie das Essen sein würde (Großbritannien) oder ob einem französische Kellner, bloß weil man kein Französisch und also die Karte nicht lesen konnte, etwas empfehlen würden, das sich als Hühnermägen oder Schafshirn entpuppte, als man sich jederzeit aber für Italien entscheiden konnte, denn sicher ist sicher und Pizza Quatro Dingsbums und Spaghetti Carbonara schmecken da eigentlich immer, nicht wahr, oder für die Schweiz entscheiden, wo die Qualität doch stimmen muss, sonst wäre es ja nicht die Schweiz – in der guten alten Zeit also entstand Stress nur dann, wenn einem am vorletzten Urlaubstag einfiel, dass es jetzt noch Ansichtskarten an alle Lieben und auch Nicht-Lieben zu schreiben galt (besonders an die Nicht-Lieben, denn die sollten ja neidisch werden).

Es galt, je nachdem, Motive eines unwahrscheinlich blauen Meeres, eindeutig nachkolorierten blauen Sees, von Big Ben, Eiffelturm, Forum Romanum, Stephansdom mit Tauben davor zusammenzuraffen (Briefmarken nicht vergessen!), sich in ein Café zu setzen, festzustellen, dass man ja gar keinen Kugelschreiber dabei hatte, geschwind noch einen Kugelschreiber zu kaufen, zurück zum Café, ah, ein Tischchen ist noch frei, Einspänner zu bestellen, Cappuccino zu bestellen, Achtung, in Frankreich kurz und lässig „un café“ zu ordern, alles andere betrachtet das einheimische Kaffeeherstellungspersonal als Affront, dann auf Passantinnen und Passanten zu starren, einen Schluck zu nehmen, noch einen – und auf eine Eingebung zu warten, am besten eine originelle.

Egal. „Liebe x und y“, schrieb man dann, „Liebe Eltern“ oder „Liebe Oma“, und weiter: „hier ist es schön. Das Wetter ist gut, das Essen auch, und baden konnte ich auch schon/natürlich war ich bereits im Louvre/den Tower habe ich auch besichtigt und sie haben mich wieder rausgelassen, hihi. Heute mache ich noch einen gemütlichen Tag, denn morgen muss ich ja leider schon zurück. Ich hoffe, es geht Euch/Dir gut“. Diese Karten erreichten rund zwei Wochen nach Heimkehr der Schreiberin die Adressatinnen und Adressaten, die sich artig bedankten, denn es zählte schließlich der gute Wille. Und was hätte man zu Anfang des Urlaubs schreiben können? Bin gut angekommen?

Im Sommer 2022 flitzen Nachrichten durchs Netz wie: Ist es bei euch auch so heiß? Ist es bei euch auch so trocken? Hat euer Hotel eine Klimaanlage? Sollt ihr Wasser sparen? Was sagt der Wetterbericht, wird es in den nächsten Tagen mal regnen bei euch? Ach, es hat schon geregnet, Glückwunsch! Und es hat auch nicht zu viel geregnet? Da kann man wirklich neidisch werden.

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