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Urlaub

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Von: Sylvia Staude

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Die Touristin sagte nach einer kleinen Weile: Ja, sie habe Zeit.
Die Touristin sagte nach einer kleinen Weile: Ja, sie habe Zeit. © Daniel Gonzalez Acuna/dpa

Von einem Fremden angesprochen werden: nicht immer muss das Übliche folgen. Die Kolumne „Times mager“.

Hier stürzt ein junger Mann vom Berg, rücklings. Aber erschrocken sieht er eigentlich nicht aus, sondern fast friedlich. Da kippt ein Auto und sein Fahrer in die Schlucht, die Kurve war einfach zu scharf und schmal. Dort steht die Schürze einer jungen Frau in Flammen, im Hintergrund, ominös, das Herdfeuer, auf dem sie gerade noch gekocht haben muss. Im Hintergrund aber auch: die heilige Maria, die aus einer Wolke blickt und bereits im Moment des Unglücks auch ihre schützende Hand über die junge Frau hält.

Und man weiß, der junge Mann, der den Halt verloren hat, der unvorsichtige Fahrer, die junge Frau, deren Schürze Feuer fing, sie alle wurden gerettet. Sonst hingen diese (in schönster naiver Manier gemalten) Votivtafeln nicht Seite an Seite, dicht an dicht in der großen Wallfahrtskirche. Heute sagen die allermeisten Menschen: Ist noch mal gut gegangen.

Wird es noch mal gutgehen?, das fragte, unter anderem, ein älterer Mann etwas später auf dem Kirchenvorplatz, auf einer der Bänke in der Spätsommersonne sitzend, ein Bein ausstreckend, als schmerze es ihn.

Er war auf die Touristin zugekommen, die gerade die Aussicht genoss, denn die Kirche liegt über der Stadt, fragte, ob sie Zeit habe, ein wenig mit ihm zu reden. Die Touristin zögerte, wie wohl jede Frau zögern würde. Jede Frau, der klar ist, dass „reden“ von manchen (m.) als sehr dehnbarer Begriff gesehen wird. Aber vielleicht auch jeder Mann, an dessen Tür schon mal Menschen geklingelt haben, die für ihre Überzeugungen werben wollten, für die man sich aber, das ahnte man, nicht werben lassen wollte.

Die Touristin sagte nach einer kleinen Weile: Ja, sie habe Zeit.

Da wollte der ältere Herr wissen, was sie vom Krieg gegen die Ukraine halte? Und von Putin? Und von den Klimaveränderungen auf der Welt? Auch bei uns, sagte der Mann, auch bei uns war es in diesem Sommer so trocken wie noch nie. Er habe einen Garten, wenn auch nur einen kleinen, und wollte seine drei Bäume und ein Dutzend Stauden nicht verdursten lassen – gleichzeitig habe die Gemeinde, in der er wohne, das Gießen untersagt. Er gestehe, er habe heimlich gegossen, wenn es schon dunkel war.

Die Touristin ächzte innerlich. Auf was hat sie sich da eingelassen. Ernsthaftes Denken, ehrliches Antworten im Urlaub.

Und dann: Sie wolle ja vielleicht doch mal wieder weitergehen (die beiden saßen schon eine knappe halbe Stunde nebeneinander, von der Sonne gewärmt, durchaus vertieft), eine letzte Frage noch. Wird es noch mal gutgehen, was meinen Sie?

Sie schwieg. Er schwieg. Bis er schließlich sagte: Also, ich glaube: nein. Haben Sie noch einen umso schöneren Urlaub.

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