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Update

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Von: Sylvia Staude

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Wollen Sie etwa, dass der Dackel Ihrer Wohnungsnachbarn Ihr Handy hackt? Eben!
Wollen Sie etwa, dass der Dackel Ihrer Wohnungsnachbarn Ihr Handy hackt? Eben! © Imago

Monatelang haben wir bei der FR versucht, die Tatsache zu verschleiern, dass bei uns keine Menschen mehr kommentieren, sondern eine Autocomment-Software.

Dieser Tage sprach jemand aus dem Radio zu uns (er hatte ein neues öffentlich-rechtliches Jugendangebot anzupreisen) und sagte mit Stolz: Wir werden echte Menschen als Kommentatoren haben. Wow. Monatelang haben wir bei der FR versucht, die Tatsache zu verschleiern, dass bei uns keine Menschen mehr kommentieren, sondern die Autocomment-Software des im Applewine-Silicon-Valley beheimateten Start-ups Easy-Autocomment (Variante: leicht links von der Mitte). Das Feuilleton testet in den Theatern der Region zudem die täuschend echten – also mit Blöckchen, Kugelschreiber, gerunzelter Stirn, gelegentlichem Gähnen ausgestatteten – Kritikerroboter. Und dann so was. Wir werden die Sache überdenken müssen. Es gilt, den Trend zum echten Journalisten nicht zu verpassen.

Ebenso dringend wie im Büro muss die Maschinenstürmerei allerdings zu Hause angegangen werden. Denn Samstagvormittage verlaufen längst ungefähr so: Das iPhone meldet sich, kaum ist es morgens angeschaltet, mit einem Update-Wunsch – übersetzt etwa: Wollen Sie, dass selbst jemand mit einem IQ von 35, zum Beispiel der Dackel Ihrer Wohnungsnachbarn, Ihr Handy hackt? Eben!

Trend zum echten Journalismus

Achtung: Wer jetzt nicht zustimmt, bekommt die kaum verhohlene Drohung jedes Mal aufgetischt, sobald er das Gerät auch nur in die Hand nimmt. Aber Achtung: Wer jetzt zustimmt, muss ein Passwort, noch ein Passwort, ein Log-in bei der Hand haben. Wo bloß hat man die notiert? Immerhin auf einem nicht passwort-geschützten Stück Papier, da ist man sich sicher. Die Suche in allen realen Schubladen dauert eine knappe halbe Stunde.

Nach dem Update sieht es im Fotoordner wie nach jedem Update anders aus. Man blickt zum Beispiel auf ein Album „Orte“, in dem 21 Orte sind. Beim Öffnen ist es dann doch nur ein Ort. So oder so seltsam. Denn hat man nicht dem Ortungsdienst schon beim letzten Update virtuell vors Schienbein getreten?

Mentale Notiz: noch mal checken. Später. Jetzt aber mit dem Fotoordner gar nicht mehr beschäftigen. Sondern alles auf den Laptop überspielen und auf dem Handy löschen. Handy fragt zuerst, ob es löschen soll, weigert sich dann aber stillschweigend. Laptop möchte nun auch ein Update, aber dalli. Mensch will erst mal Radio hören, aber hallo. Auf dem Bildschirm ploppt auf: Testen Sie jetzt den neuen, sicheren Browser mit automatischen Updates. Darunter der Button: Ja, jetzt herunterladen. Natürlich weit und breit kein Button: Nein, nie wieder ein Update. Im Kleingedruckten dürfte von uns aus auch stehen: gültig bis 2050.

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