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Unwissen

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Von: Michael Hesse

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Die Grenzen unseres Wissens: Arbeit am PC.
Die Grenzen unseres Wissens: Arbeit am PC. © dpa

Der Schriftsteller H.P. Lovecraft sagte einmal, der Mensch könne in zu viel Information ertrinken. Im Internet-Zeitalter hat man den Eindruck, man weiß immer mehr. Halten wir den Kopf bei den Wissensmöglichkeiten noch über Wasser?

Als Kinder des Zeitalters der Aufklärung sind wir mit einem besonderen Optimismus gesegnet. Wir glauben daher, je mehr Informationen wir haben, desto besser werden wir auch unsere Entscheidungen treffen.

Folgt man den Gedanken des Psychologen Steven Pinker, einem Vertreter unserer Spezies, der vorbehaltlos optimistisch zu sein scheint, würde dem nichts widersprechen. Doch wie liegen die Fakten tatsächlich?Nun, eines der klaren Ergebnisse unseres seit einem halben Jahrhundert andauernden Experiments mit der Informationstechnik zeigt vor allem dies: Information allein reicht nicht aus, um eine rationale Praxis unseres Tuns zu erreichen. Und das, obwohl wir ja angeblich mit einem Mausklick über alle Informationen verfügen, die wir brauchen, um Entscheidungen treffen zu können. Doch in Wirklichkeit zerstreut uns die Möglichkeit des Zugriffs auf so viel „Wissen“ und sorgt für Konfusion. Das Internet, das uns ermächtigen soll, bessere Entscheidungen zu treffen, ruft vor allem eine Art Angst und Wut hervor und spaltet die Gesellschaft. Im Grunde verstehen die Menschen von der Welt immer weniger und gleiten mehr in Extreme ab.

Zudem leben wir in einer Zeit, in der sich die Macht – die politische, wirtschaftliche wie finanzielle – in den Händen von immer weniger Menschen konzentriert. Die Technologie des Internets ist nur sehr wenigen Menschen zugänglich. Es ist für die meisten von ihrer Zeit und ihrem Wissen her unmöglich, einen Zugang zu finden. Klar, es gibt Ausnahmen. Und es ist möglich, einen Computer zu benutzen, mit den Programmen umzugehen. Aber das meiste, was ein Computersystem macht, ist für die Menschen völlig unsichtbar und undurchsichtig. Was wir erkennen, wenn wir am PC sitzen und das Programm mal wieder streikt, ist nur ein winziger Satz an Möglichkeiten, was diese Maschinen tatsächlich in der Lage sind zu tun. Möglicherweise erleben wir gerade die Grenze der Annahme, wir könnten die Welt durch Technik allein besser verstehen und beherrschen. Wir versuchen, die Welt in Computermodellen abzubilden: Das Wetter der nächsten Tage, das Klima der nächsten Jahrzehnte. Aber nicht alles ist berechenbar und vorhersagbar.

Um es mit den Worten des schwedischen Schriftstellers Sven Lindqvist zu sagen: „Wir wissen bereits genug. Daran fehlt es uns nicht. Was uns fehlt, ist der Mut zu verstehen, was wir wissen, und daraus Konsequenzen zu ziehen.“

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