+
Die Nebelwolkendecke ist unwirklich schön.

Times mager

Im und unter dem Wolkenmeer

  • schließen

An einem nebligen Tag über der Decke: Das kann ein ganz besonderes Erlebnis sein.

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, singt Reinhard Mey, passend zu diesem Januartag, an dem den Wanderern eine dicke weiße Decke zu Füßen liegt, wundersam in ihrer Fluffigkeit – darunter: wer weiß? Der weiß, zumindest halbwegs, der schon da war auf der Höhe mit der Hütte über N. an der W., der da war an einem anderen Tag, an dem das Licht und eine klare Luft scharf stellte auf Rhein und Odenwald, womöglich sogar auf Rebflächen, weit unter einem, die das a. d. W. beglaubigten; es brauchte dazu nicht einmal eine Rieslingschorle auf der Terrasse vor der Hütte.

„Wind Nord / Ost Startbahn null drei /Bis hier hör’ ich die Motoren“. Das Gegenteil ist an diesem Januartag der Fall, tief ist immer wieder die Stille (solange jedenfalls die Wanderin nicht mit ihren Mitwanderern plappert, sich austauscht über die unwirkliche Schönheit der Nebelwolkendecke zum Beispiel), fast könnte man meinen, unter der Decke schlummere die Welt, für ein paar Stunden vereint in Flug- und sonstiger Laute-Geräte-Gebrauchsscham. Ein paar Stunden ohne Coronavirus, Donald Trumps inzwischen 16 241 Lügen in drei Amtsjahren, Klimawandel.

Keineswegs ist man der Sonne entgegengeschwebt, vielmehr ihr Schritt für Schritt bergauf -geschnauft. Dafür brauchte man bis dahin, wo man nun über eine geschlossene, eine bis auf kleine Kräuselungen wie glattgestrichene weiße Fläche blicken kann, so weit der Blick eben reicht („dort hinten, da wäre jetzt … oder?“ – „da ist, glaub mir, da ist immer noch“ – „und rechts davon?“), brauchte man bis dahin allemal nur ein Paar feste Schuhe, eine warme Jacke. Brauchte nicht einmal einen Reim auf „Jacke“, also auch keine „Luftaufsichtsbaracke“, in der jemand Kaffee kocht.

Den gibt es zu kleinem Preis in der Hütte, Selbstbedienung, schon trägt man die Henkeltasse raus, setzt sich noch schnell an die Sonne, die minütlich schwächer wird, fahler, während der Nebel zu steigen scheint. Und schon sagt der erste: Das wird mir zu kalt hier, lasst uns gehen.

Ums Eck, gar nicht weit, da müssen die Wanderer aber doch noch einmal eine Plattform besteigen. Ob es schon versunken ist, das Schloss?

Aber nein, zwar liegen die Wolken wie listige Wellen um den Felsfuß, zwar könnte man meinen, sie schickten sich an, das Schloss zu überfluten – aber es behaupten sich die Mauern und die ersten Abendlichter. Einst ging es an dieser Stelle um Freiheit. Es musste damals ohne Reinhard Mey im Ohr gehen. Es ging freilich auch um eine andere Art von Freiheit als die, einmal eine hübsch beruhigte Welt zu erleben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion