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Unter der Decke

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Von: Sylvia Staude

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Nur grausame Eltern schicken einen auf den letzten  hundert Seiten von  „Winnetou III“ ins Bett.
Nur grausame Eltern schicken einen auf den letzten hundert Seiten von „Winnetou III“ ins Bett. © Imago

Zu den schönsten Kindheitserinnerungen gehört: Das heimliche Lesen unter der Bettdecke.

Aus einer Umfrage des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zum Thema schönste Kindheitserinnerungen: „An das Gefühl, heimlich und meist verbotenerweise unter der Bettdecke gelesen zu haben, erinnern sich 34 Prozent der Frauen und 26,9 Prozent der Männer.“ Außerdem liegen bei insgesamt 5000 Befragten diejenigen ab 50 Jahren bei der Frage nach dem Lesen unter der Bettdecke „deutlich über dem Durchschnitt“. Das wundert nicht, gab es einst noch keine diskret schimmernden Kindle oder Tolino und noch nicht einmal das klitzekleinste Smartphone. Das Licht der Nachttischlampe aber schlüpfte zu offensichtlich unterm Türspalt durch und führte zu: Kind, morgen früh ist die Nacht rum, Kind, du musst morgen in die Schule, Kind, du verdirbst dir noch die Augen. Und, Mist: Kind, was liest du da eigentlich?

Das war der Knackpunkt. Es verstand sich von selbst – wozu sonst der ganze höchst unbequeme Aufwand mit der Taschenlampe unter der Bettdecke? –, dass es nicht das Geschichtsbuch oder die jeweils altersangemessene Deutschlektüre war. Es verstand sich aber auch von selbst (fand das Kind), dass nur grausame Eltern einen auf den letzten, nun ja, hundert Seiten von „Wolfsblut“ oder „Der Schatz im Silbersee“ oder gar „Winnetou III“ ins Bett schicken. Es geschah ihnen nur recht, wenn das Kind sich die Augen verdarb. Es geschah ihnen nur recht, wenn das Kind sie morgens anmaulte, weil die Nacht rum war. Es war aber verdammt praktisch, sich mit einem Zipfel der Bettdecke die Tränen – „Winnetou III“! – wegwischen zu können.

Etwas später, die Ansprüche wuchsen mit dem Kind, waren Taschenlampe plus Buch plus Wörterbuch unter der Decke zu arrangieren. Dafür konnte das Gewissen beruhigt werden: Selbstverständlich und ausschließlich diente die nächtliche Lektüre nun der Bereicherung des Englischwortschatzes. Es fügte sich allerdings, dass die Eltern in der Schule Tschechisch hatten lernen müssen und ihr Englisch rudimentär war.

Denn maßgebliche Verdienste erwarben sich damals die eine gründliche und schonungslose Textexegese erfordernden Leonard Cohen und Bob Dylan (weswegen das mit dem Nobelpreis auch irgendwie und sowieso in Ordnung geht). Ärgerlich war, dass Manches nicht im Langenscheidt stand, ein klarer Fall von Zensur. Noch ärgerlicher war, dass darum auch noch das dicke „Historical Dictionary of American Slang“ unter de Decke gehalten werden musste. Der Englischnote tat es aber erstaunlicherweise sehr gut.

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