1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Unkraut

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Die Blüte einer Orchidee.
Die Blüte einer Orchidee. © dpa/(Archivbild)

Tun Sie ruhig mal was für Ihre Zimmerpflanze(n), auch wenn es nicht mehr der „Tag der Zimmerpflanze“ ist.

Wenn Sie gestern Ihre Zimmerpflanze(n) nicht gegossen haben, zum Beispiel, weil Sie unseren Hinweis auf den „Tag der Zimmerpflanze“ übersehen haben, und also gar nicht wussten, dass am 10. Januar der „Tag der Zimmerpflanze“ ist, dann sollten Sie sie eben heute gießen. Oder auch erst übermorgen oder in zwei Wochen, wenn es sich um einen Kaktus handelt. Der mag keine nassen Füße, äh, Wurzeln. Was Sie am gestrigen Ehrentag auch hätten tun können (oder heute oder morgen nachholen können): düngen, quasi anstelle einer Geburtstagstorte. Dann sich neben Ihre Pflanze stellen und tief einatmen, denn nur für Sie stellt sie Sauerstoff her – jedenfalls können Sie sich das einbilden, denn Ihre Zimmerpflanze widerspricht Ihnen ja nicht. Nicht einmal mit den Augen rollt sie. Und noch ein Tipp: Unterhalten Sie sich mit Ihren Pflanzen, denn, siehe oben, anders als Ihre Kinder oder Tante oder Ihr Großonkel, anders auch als britischer Adel, geben sie keine Widerworte. Und wenn sie die Blätter hängen lassen, können Sie es drauf schieben, dass die Gärtnerei Ihnen Murks verkauft hat.

Keineswegs sollten Sie, nur weil das Times mager Sie nicht rechtzeitig ermahnt hat, nett zu sein zu Ihren Pflanzen, das Gießen auf den 30. Mai, den „Gieß eine Blume“-Tag verschieben (in Peru übrigens der „Nationaltag der Kartoffel“, und warum auch nicht). Ebenso muss das Pflanzen einer Blume nicht auf den 12. März beschränkt bleiben. Und darf das sogenannte Unkraut auch jenseits des 28. März, dem „Weed Appreciation Day“, gewürdigt werden.

Vielleicht sollten wir uns ohnehin auf den 13. April, den Internationalen Pflanzenwürdigungstag konzentrieren, statt die Rose dem Knöterich und die Tulpe dem Löwenzahn vorzuziehen. Denn was kann der Löwenzahn dafür, dass er so zahlreich ist? Können wir ohne ihn überhaupt den 10. März angemessen begehen, den Leben-in-den-Ritzen-Tag?

Sind Ihnen Pflanzen schnuppe (was die Verfasserin schon wegen ihres Namens schade fände), können wir Ihnen noch bieten: Heute den „Tag des Pfützenspringens“, morgen den „Küsse-Rothaarige-Tag“ (überlegen Sie sich das besser gut, siehe MeToo) und den „Tag des Marzipans“, übermorgen winken verlockend der „Tag des Pfirsich Melba“, der „Tag des Quietscheentchens“ und der „Schuld-sind-die-anderen-Tag“.

Letzterer scheint immens brauchbar zu sein, bleibt nur die Frage, ob man anderen an diesem 13. Januar (Freitag, der 13.!) gewissermaßen auf Vorrat die Schuld an allem geben kann, was man in diesem Jahr versemmelt. Zum Beispiel ein Times mager, das einen Tag zu spät kommt.

Auch interessant

Kommentare