1. Startseite
  2. Kultur
  3. Times mager

Ungeheuer

Erstellt:

Von: Lisa Berins

Kommentare

Die Regenbogenfahne weht anlässlich des Berliner Christopher Street Day (CSD) am Bundeskanzleramt Foto: Christoph Soeder/dpa
Die Regenbogenfahne weht anlässlich des Berliner Christopher Street Day (CSD) am Bundeskanzleramt © Christoph Soeder/dpa

Verschwörungserzählungen fangen im Kleinen an. Wie jetzt wieder auf Twitter gesehen - die Kolumne „Times mager“.

Sie haben sich sicher über die Regenbogenflagge gewundert, die zum CSD vor dem Kanzleramt wehte – während die anderen beiden Flaggen daneben schlaff am Mast baumelten. Physikalisch unmöglich, eine Montage, ganz, ganz klar. Dank Twitter wurden wir auf diese Ungereimtheit aufmerksam, die auf einen größeren Zusammenhang verweisen könnte: dass nämlich das ZDF, das den Beitrag mit dem Flaggenfoto gepostet hatte, manipuliert oder zumindest eine Marionette ist. Die Öffentlich-Rechtlichen mal wieder … Entdeckt wurde das Ganze von jemandem, der selbst als Journalist arbeitet; einem Whistleblower der Wahrheit sozusagen.

Natürlich wurde der Quatsch widerlegt, das Bild ist echt. Aber Hauptsache, es wurden Zweifel gesät. So klein und arglos beginnen sie, die großen Verschwörungserzählung. Umberto Eco war fasziniert von solchen fiktionalen Komplotten. Vom Anwachsen großer, irrer, gefährlicher Märchen, die sich in einer Mischung aus Esoterik, Pseudowissenschaft und Antisemitismus um ein „leeres Geheimnis“ ranken und eine unzufriedenstellende reale Erklärung pseudoreligiös überschreiben: Eine höhere, dunkle Macht ist Schuld an der Misere.

Diese Flaggengeschichte ist mittlerweile im Twitter-Universum verweht. Aber im Alltag wartet schon Verschwörungsnachschub. Überall. Vor allem dort, wo man es nicht vermutet. Beim Arzt zum Beispiel. Bei einem, der wenig über die Diagnose erklärt, dafür viel über die Welt – und dabei unentwegt mysteriöse Andeutungen macht. Dieser Mann mit dem Doktortitel verfügt nämlich über Geheimwissen, das den „gleichgeschalteten Medien“ vorenthalten wird: Es gibt eine deutsche Gesundheitsverschwörung; ein System, bei dem das Geld in die Hände einer Elite gespült wird. Nur so viel: Karl Lauterbach will sich demnächst eine Insel kaufen. Die Info stammt aus erster Hand, direkt aus dem Bundesverband in Berlin. (Bitte noch nicht twittern, wir prüfen das gerade.)

Das Gemeine: Die Verschwörung saugt an einem Funken Wahrheit und verstrickt ihn in Ungeheuerliches. Das Gesundheitssystem – klar lässt das zu wünschen übrig. Und es gibt tatsächlich Deepfakes, die in den Medien landen. Es gibt auch Kritik an der Struktur des ÖR. Ach ja, einfacher wird das Leben durchs genaue Hinsehen auch nicht. Aber immerhin, sagt Eco, sei das Nachdenken über komplexe Verstrickungen schon mal eine Form der Therapie – „gegen den Schlaf der Vernunft, der Ungeheuer gebiert“.

Auch interessant

Kommentare