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Christian Thomas ist Ressortleiter des Feuilletons der Frankfurter Rundschau.
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Christian Thomas ist Ressortleiter des Feuilletons der Frankfurter Rundschau.

Times Mager

Unerwartet

Der jetzt gestorbene Kritiker Jürgen P.Wallmann war Anwalt der regimekritischen DDR-Literatur und kompetenter Sachwalter der Gegenwartslyrik. Eine Erinnerung. Von Christian Thomas

Pünktlich, nach der letzten Theaterpremiere vor den Sommerferien, die er noch für die WDR-Morgenkritik wahrgenommen hatte, brach er von Münster aus auf, den Kleinwagen voll mit Neuerscheinungen, Ziel war die Provence, wo im Haus eines Freundes der Jahresurlaub eines freien Kritikers auf ihn wartete, in den Vormittagsstunden als Arbeitsurlaub, setzte er hinzu.

Plötzlich, so hieß es am Wochenende, sei der Kritiker Jürgen P. Wallmann gestorben, "plötzlich und unerwartet" im Alter von 70 Jahren, so schrieben die Zeitungen in Münster, wo wir zur Feier eines 85. Geburtstag zusammengekommen waren. Zur Koinzidenz gehörte die Erinnerung, dass Jürgen P. Wallmann mich einige Jahre mit seinen Literatur-, Kunst und Theaterkritiken versorgt hatte.

In Essen 1939 geboren, ließ er sich früh vor allem vom Sound Gottfried Benns verführen, über den "JPW", noch keine dreißig, ebenso eine Monografie schrieb wie, noch immer nicht dreißig, über Else Lasker-Schüler. Seinem Kritiker-Gedächtnis prägten sich Bissigkeiten ein - das war Ohrenfutter im WDR-Sendegebiet. JPW war so kompetent wie quick, mit jährlich Regalmetern von Neuerscheinungen nahm er es auf, und als Anwalt der regimekritischen DDR-Literatur, der Reiner Kunzes Prosa aus dem Unrechtsstaat schleuste, mit der Stasi. Seit 1973 als freier Kritiker in Münster lebend, maß er die Gegenwartslyrik an seinen Ikonen, Celan, Huchel, Bobrowski, er warb für Nelly Sachs und Rose Ausländer, gleichzeitig durchstöberte er die Literaturlandschaft Westfalens, dazu zählte die Lyrik Ernst Meisters, weil ihn auch in ihr das Unverhoffte anfasste.

Im Gespräch war JPW ein Geschicklichkeitskünstler, mit seinen Pointen dem Unberechenbaren zugewandt. Unvergessen wird mir ebenfalls bleiben, dass mir im Keller, auf der Suche nach einem abhanden gekommenen Buch, eine Postkarte vom Juli 84 entgegen fiel: "Hier ist, wie verabredet, mein Grieshaber-Text. Und ein Manuskript über Claudius lege ich auch bei. Schöne Grüße von JPW." Wie aber war genau dieser Gruß möglich, nach fünfzehn Jahren, in denen ich kein Wort mit ihm gewechselt hatte, drei Tage, bevor ich von seinem Tod las?

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