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Und jetzt?

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Von: Lisa Berins

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Hat die Debatte denn jetzt noch den gleichen Zunder – ohne neue Skandale, ohne den ganzen Gossip?
Hat die Debatte denn jetzt noch den gleichen Zunder – ohne neue Skandale, ohne den ganzen Gossip? © Swen Pförtner/dpa

Endlich! Die documenta fifteen ist vorbei. Das wäre geschafft. Jetzt ist es Zeit, die Füße hochzulegen. Und dann... Ja, was dann eigentlich? Die Kolumne „Times mager“.

Wir hören ein Aufatmen: Die documenta fifteen ist vorbei! In den letzten Tagen vor Schluss haben alle ihre Füße stillgehalten, die Daumen gedrückt, damit nicht doch noch etwas passiert, ein neuer Antisemitismusfall, ein neuer Streit, weitere Schlagzeilen. Augen zu und durch. Jetzt ist es tatsächlich vorüber. Die Beteiligten sinken erschöpft in die Couches, legen die Füße hoch, öffnen den Crémant (oder was trinkt man in der Kulturszene gerade so?). Das wäre geschafft.

Und jetzt?

Wie immer, wenn etwas die volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen, an den Nerven gezehrt, einen ausgelaugt hat, und dann auf einmal verschwindet, dann ist da dieses Loch. Eine schmerzende Leere, die deutlich macht, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist, egal, ob es gut oder schlecht war. Beklemmung und Erleichterung – ein Knäuel an Gefühlen. Natürlich, unerwartet kam es nicht, man wusste ja, dass diese Documenta ein Ende hat, ehrlich gesagt fieberte man ihm ja entgegen. Aber dann ging es doch so schnell. Schluss, Tore zu und dann: puff. Der Kunstskandal verschwindet. Auf Nimmerwiedersehen.

Vieles, besonders die Kunst, wird bald vergessen sein, sagt man. Aber: Die Debatte ist noch da, das sagt man auch. Über Antisemitismus, Postkolonialismus, Rassismus, Kunstfreiheit muss man weiter diskutieren, wirklich. Nur (Zynismus-Triggerwarnung!): Hat die Debatte denn jetzt noch den gleichen Zunder – ohne neue Skandale, ohne den ganzen Gossip? Fehlt da nicht das voyeuristische Extra? Die Verfehlungen und Verwerfungen, dieses ganze Peinliche, zum Fremdschämende, das machte ja was. Es hielt uns in einem Sog, wie bei einer Streamingserie: Man musste sich unbedingt die nächste Folge reinziehen, das nächste Drama erleben.

Und während jetzt also die Künstlerinnen und Künstler ihre Installationen abbauen und ihre gepackten Trolleys durch Kassel ziehen, Richtung Zug, Flugzeug, ferne Heimat – da schauen die Feuilletonistinnen und Feuilletonisten ihnen traurig hinterher: Dass sie sich bisher gar nicht sonderlich für die Kunstschaffenden interessiert haben – geschenkt. Es geht jetzt um eine andere Frage:Worüber um Himmels willen schreiben die Feuilletonmenschen dieses Landes jetzt nur? Sie werden wieder an ihr Kulturleben von vor Anno Documentae 15 anknüpfen müssen. Sie werden wieder über Kunst schreiben! Ja! Aber ... können sie das überhaupt noch? Rutscht womöglich eine Gruppe von Kulturredakteur:innen in eine berufliche Sinnkrise?

Deshalb eine Bitte an Sie, liebe Leserinnen und Leser: Nehmen Sie sich ein Herz, unterstützen Sie jede Schreib-Anstrengung und lesen Sie! Lesen Sie bitte trotz ausbleibender Sensations-Schlagzeilen ihre Berichte im Feuilleton!

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