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Veröffentlichen ohne Aufregung, das mochte J.D. Salinger.

Times mager

Auffallen, verschwinden - oder gar beides?

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Was will der, der sich jetzt zur Fastnacht verkleidet? Auffallen, verschwinden, beides?

Aus rheinischen Fußballstadien wurden am Wochenende auch kurze Blicke auf verkleidete Menschen ins Wohnzimmer vermittelt. Modelle wie „Chirurg“ und „Papst“ kamen ins Bild. Man staunt als Außenstehender dann über den Ernst des Karnevals, wird aber auch auf das Bedürfnis gestupst, sich nicht nur zu kostümieren, sondern dabei gewissermaßen upzugraden, ohne den Anspruch auf Selbstironie völlig aufzugeben. Wobei „Chirurg“ hierbei schon relativ weit geht.

Morgen ist Aschermittwoch

Anders als beim Modell „Ganzkörpervogel“, dessen Träger/Trägerin am Rosenmontagmorgen in der Bahn Aufsehen erregte, will sich der Nutzer von „Chirurg“ oder „Papst“ zudem keineswegs verbergen. „Ganzkörpervogel“ kombiniert maximale Auffälligkeit mit dem völligen Verschwinden der eigenen Person. Dass die Begleitung, „Engelchen“ und „Teufelchen“, zwar von ihren Nachbarn erkannt worden wären, dafür aber Bier trinken konnten, fasst die Schatten- und Lichtseiten unzulänglich verhüllender Kostüme gut zusammen. Entscheidend ist, was genau man mit der Verkleidung bezweckt: auffallen, verschwinden, beides.

Lesen Sie hier den Kommentar zum Thema „Blackfacing“

Beides wollen häufig z. B. schreibende Menschen. Sie sind keine Clowns, vielleicht sogar scheu, aber da ist er nun, der Text. Nehmen wir J. D. Salinger, Autor des berühmtesten Romans für drei bis sechs Generationen (also des „Fängers im Roggen“). Sein zehnter Todestag förderte kürzlich wieder den fabelhaften Vorgang zutage, wie ein kleiner Verlag sich 1988 um die Rechte für die zuvor im „New Yorker“ abgedruckte Erzählung „Hapworth 16, 1924“ bemühte. Salinger antwortete acht Jahre später (das ist das Allerbeste an der Geschichte, acht Jahre, ein vernünftiger Abstand, um sich eine Antwort zu überlegen). Der Verleger begriff, wie sehr Salinger es gerade mochte, dass es ein so kleiner Verlag war, bei dem das schmale Buch ohne Aufregung seinen Weg würde gehen können. Salinger bat sogar noch darum, dass sein Name nicht auf dem Titel stehen sollte.

An Fastnacht klopft die Hexe an

Nun machte der Verleger die übliche Meldung an die CIP-Datenbank, keine große Sache. Inzwischen (1994) war aber das Unternehmen Amazon gegründet worden, das CIP-Daten automatisch nutzte und bequem auffindbar machte. Es dauerte nicht lange, bis ein Fan merkte, was sich ankündigte. Zwei Zeitungsartikel später japste die ganze englischsprachige Welt dem neuen Salinger entgegen. Salinger zog die Erlaubnis zum Druck natürlich zurück.

Passt das überhaupt zum Thema? Geht so. Salinger wollte an sich kein Kostüm überstreifen, er hatte einfach den Wunsch, den Mantelkragen hochzuschlagen – „unter dem Radar zu fliegen“, so formulierte der Verleger damals.

Am Bahnhof in Mainz klopft eine Hexe an die Scheibe. Alle erschrecken sich zu Tode, einige fangen an zu fluchen. Aber morgen ist Aschermittwoch.

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