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Ein anstehender Umzug.

Times mager

Der Mist am Umzug

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Im Raum steht bei jedem Umzug das grässliche Wort Ausmisten. Das kann ganz schön unangenehm werden. Die Feuilleton-Kolumne.

Auch Bücher geraten in Bewegung. Ein anstehender Umzug treibt sie vor sich her, ein Auszug aus den alten Redaktionsräumen. Im Raum stand das grässliche Wort Ausmisten.

Nun, soeben noch in der Hand, stehen alte Bücher auch schon auf dem Gang, eine Schlange, schräg angelehnt an der Wand. Denn ein Flur ist kein Regal, auf dem Boden keine Reihung Rücken an Rücken, vielmehr eine mit dem Buchrücken zur Wand, der Schutzumschlag den Gangnutzern zugewandt. Es auf diese Weise zu tun, ist sinnvoll. Als handelte es sich um eine Verbeugung vor dem Motto der Buchumschlaggestalter. Wo sie sich doch sagen, dass Bücher ein Gesicht haben. Sie haben es nicht ungehört gesagt.

Am Boden angelangt: „Das war’s Freunde“. „Fußball ist kein einfaches Spiel“. „Die 84. Minute“. Die Bücher bilden im Flur so etwas wie eine Gasse, die aber nicht so hohl ist, dass man nicht mehrfach täglich auf den Gedanken käme, sie bildeten Spalier durch anspornende Titel wie: „Der Feuerkopf“, „Wie wir Weltmeister werden“, „Deutschlands Traumelf“. Spalier? Die Redaktion bewegt sich durch die Geschichte der Olympischen Winterspiele wie durch eine Loipe, links und rechts Bücher wie „Innsbruck 1964“, „Grenoble 1968“ oder „Lillehammer 94“ oder „Turin 2006“. Am Rand Titel wie bereit gehaltene Aufputschmittel. Unerlaubte Substanzen?

Dopen kann sich der Leser mit vielerlei, es müssen ja nicht Bücher sein – aber wenn es sich um Bücher handelt, so sind die Fußballbücher immer besonders geeignet. Und es ist nicht etwa ein heroisches Buch über den legendären FC St. Pauli, sondern ein legendäres über die Heroen von 1954, die Helden von Bern – erschienen im Band I der Schriftenreihe des Deutschen Fußball-Bundes: „Dann erst, nach langen, langen Wochen gehörte der Vater wieder den Kindern, der Sohn der Mutter, der Mann seiner Frau. Endlich war nun die Freude ungetrübt, entschädigten gemeinsame Ferientage für alle Sorgen, für Kummer und Entsagungen. Gesund kehrten die Sieger heim in den Kreis ihrer Familie.“

So wurde aufgeputscht vor 65 Jahren, eine Art Blut-und-Boden-Doping, als handelte es sich bei der Heimkehr von der Fußball-WM in der Schweiz um eine von der Front, bei der Rückkehr mit einem Sieg im Tornister um eine aus einem Krieg. Tut man so ein Buch mal besser weg? Oder behält es doch bei sich, als historisches Dokument. Um es vom Boden aufzulesen, musste man sich nicht verbeugen, aber doch vorbeugen, oder vor ihm in die Knie gehen.

Umzug! Nur ein anderes Wort für unangenehme Erinnerungen.

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