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Umtriebig

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Von: Christian Thomas

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Auf der Kaiserstraße an ein Kollektiv zu denken, wäre vollkommen falsch.
Auf der Kaiserstraße an ein Kollektiv zu denken, wäre vollkommen falsch. © Andreas Arnold

Der Blick in die Frankfurter Kaiserstraße bleibt von der vorbeifahrenden Straßenbahn aus ein flüchtiger Blick.

Vom Bahnhofvorplatz aus, hinein in die Kaiserstraße, gibt sich kaum ein Mensch dem Gehen hin. Hier in Frankfurt könnte er es auch nur schlecht lernen, denn wie auch, auf einem Zebrastreifen? Unter Zehntausenden, die in Eile sind, machen und tun, hasten, drängeln, ist jeder bewusste Zebrastreifenbenutzer ein Mitläufer. In einer Gesellschaft von Massen, täglich, ist ihm das Gehen ausgetrieben worden. Er muss es an anderen Stellen der Stadt wieder lernen, praktisch Schritt für Schritt. Denn auch die Kaiserstraße, die weiterhin so heißt, anders als die parallel dazu angelegte Kronprinzenstraße, die heute Münchner Straße heißt, ist beim Gehen nicht so recht behilflich.

Gerade hier werden die Fußgängerverkehrsströme wegen des direkt gegenüberliegenden Bahnhofs in die Straße hineingepumpt. Der Stadtraum wird systematisch und regelmäßig bevölkert. Bevölkert ist ein merkwürdiges Wort. Stehen andere Begriffe zur Verfügung? Auf der Kaiserstraße an ein Kollektiv zu denken, wäre vollkommen falsch. Das ist soziologisch unhaltbar, vor allem aber historisch vorbei. Einzelne 68er waren angetan, den Gesellschaftszustand des Spätbürgerlichen ein für alle Male zu beenden. In der Masse umtriebig, spornte sie der Gedanke erst recht an. Man suchte ihn auf dem Marsch hin zu den erlahmten Institutionen der Kollektivierung. Aber ist das Kollektiv dabei jemals den Weg über Frankfurts Hauptbahnhofsvorplatz oder die Kaiserstraße gegangen? Viel hätte sich erkennen lassen, vieles regelrecht aufgedrängt. Vor allem die Vielfalt, die in einer Bevölkerung drinsteckt. Dazu die Tatsache, dass die Masse aus einer gewissen Mannigfaltigkeit zusammengesteckt ist.

Das Zusammengesteckte steckt nun einmal drin in der Kaiserstraße. Sicher, der Blick in die Kaiserstraße bleibt von der vorbeifahrenden Straßenbahn aus ein flüchtiger Blick, auch wenn die Tram auf ihrer Höhe nur langsam Fahrt aufnimmt oder abbremst. Im Grunde lässt sich aus der Straßenbahn hinaus bloß in den „Kaisersack“ hineinschauen, in ein Teilstück von Frankfurts Kaiserstraße, mit ihren Drogenabhängigen und Bankern.

Oder Bankern und Drogenabhängigen. Auch so herum kann eine Aufzählung beginnen. Sie ist regelrecht beliebt. Doch es aufzählen zu wollen, käme bloß einem Sammelsurium gleich. Aber was will man machen, wenn eine Bevölkerung so dermaßen heterogen unterwegs ist? Aus dem Straßenbahnfenster heraus wird ersichtlich, wie oberflächlich der Blick ist. Er wird mit einem Gewühle, das ununterbrochen in Bewegung ist, kaum fertig. Das macht den Blick auch umtriebig.

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