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Umtriebe

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Die Wann-Frage beschäftigt auch die Lutherzeit, sie versetzt aber nicht nur diese Epoche in Unruhe.

Wann? Diese Frage lässt ihn nicht los. Wann, wann, wann? Wartburg, die Lutherstube. Diese Frage treibt den Insassen um. Sag uns, heißt es wortwörtlich bei Matth., 24, wann wird das geschehen? Die WannFrage ist die bange Frage der Jünger nach dem Ende der Welt.

Die Wann-Frage beschäftigt auch die Lutherzeit, sie versetzt aber nicht nur diese Epoche in Unruhe. Sie ist seit Jahrhunderten auf die Tagesordnung gesetzt, ausgesprochen und unausgesprochen. Sie belastet auch Luther, ohne dass er es sich ausdrücklich sagen oder eingestehen müsste. Die weltbewegende Frage steht auch in der Weltferne der Lutherstube ständig im Raum. Luther muss mit ihr leben. Er ist sich nicht sicher, wann das Weltgericht über die Menschheit hereinbrechen wird.

Das ist nicht zu erkennen, obwohl es nahe Zukunft ist und sich mit der so vagen wie vermeintlich nahen Zukunft auf erschreckende Weise argumentieren lässt. Die nahe Zukunft des Weltuntergangs zeigt sich auch von der Warte der Wartburg aus. Sie ist eine Gewissheit, die, bei aller Ungewissheit des Tages und der Stunde, gewiss ist.

Zutiefst apokalyptisch gestimmt war bereits die Vor-Lutherzeit, die in jeder Pest das Vorzeichen der letzten Tage der Menschheit las. Jedes heftige Unwetter war Anlass, in ihm einen Auftritt des Teufels zu sehen. Erst recht eine solche Katastrophe wie ein Erdbeben gemahnte an die Ankunft des Jüngsten Gerichts.

Die Wann-Frage hatte die Jünger umgetrieben. „Und welches wird das Zeichen sein deines Kommens und des Endes der Welt?“ Endzeitstimmung wegen der Frage auch in der Lutherstube. Denn es gibt genug Anzeichen, die die chiliastische Naherwartung nähren, darunter der Auftritt der Türken an den Grenzen Südosteuropas. Dieses Thema wird Luther nicht loslassen, zwanzig und mehr Jahre nicht, ein Vierteljahrhundert wird es ihn beschäftigen. Dieses Thema nicht zuletzt überlebt praktisch seine Erwartungen an ein nahes Weltende.

Auch der Reformator beteiligt sich an den Kalkulationen, und weil Christus am dritten Tag nur die halbe Zeit im Grab verbrachte, schmilzt die Frist, die Theologen immer wieder berechneten, rauf- und runterrechneten, verlängerten oder verkürzten, bei Luther doch beträchtlich.

Wann? 1524. Bis dahin sind es noch drei Jahre. Denkbar auch 1532, also in elf Jahren oder 1534. Ob das so richtig ist? Die Frage nimmt ihn gefangen in seiner Lutherstube, in seiner Zelle halt. Die Unruhe der Zeit geht durch die Wartburgwände. Die Endzeitsorgen verfolgen ihn bis in den Wartburgwinkel. Denn die Zeit ist eine der Umtriebe von Angst und Schrecken.

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