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Störgeräusche: Lautstarkes Kaugummi traktieren kann in Zugabteilen zu einem munteren Sitzplatzwechsel führen.

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Philosophische Fragen: Stört die Kollegin? Und kann ein Zug überall halten?

Ein verzweifelter Kollege hatte jüngst darum gebeten, für eine Stunde nicht gestört zu werden, da er einen anspruchsvollen Text zu schreiben gedenke (Was für einen? Sie ahnen es). Kaum hatte er sich in eine Ecke des Großraums gesetzt, näherte sich ihm eine Kollegin und stellte die Frage aller Fragen: „Stör ich?“

Es kam nun die Frage auf, ob die Kollegin sich die Frage nicht selbst hätte beantworten können, denn der Verdacht lag nahe, dass der schreibende Kollege mit „Nicht stören“ so etwas wie „In Ruhe lassen“ gemeint haben könnte.

Die Frage, ob auf „Stör ich“ ehrlich zu antworten sei, ist schwer zu beantworten, denn jenseits des Höflichkeits- stellt sich hier womöglich ein Hierarchieproblem, also etwa: Zur Volontärin patzig „Ja“, zum Gleichrangigen grinsend „Ja“, zum Ressortleiter „Äh, nö“ und zur Chefredakteurin „Nein!“ (strahlend).

Es gibt natürlich auch Menschen, die klugerweise gar nicht fragen, aber dummerweise dennoch stören. So wie der Designerbrilleninhaber jüngst in der 1. Klasse (Sparpreis!), der seinen Kaugummi so laut schmatzend im Eiltempo traktierte, dass in seiner Umgebung ein lustiges Umzugsgeschehen in Gang kam, aus dem sich ganz neue Sitzkombinationen und Gesprächsmöglichkeiten ergaben. Aber keiner sprach den Kauer an, alle verhielten sich, als hätte er eine ansteckende Krankheit.

Auf dem süddeutschen Mittelstadtbahnhof, wo der Anschlusszug losfuhr, entdeckte das fröhliche Sparpreis-Grüppchen einen interessanten Hinweis: „Zug hält überall“. Und das warf natürlich Fragen auf: Wie, so formulierte ein besonders Kluger, könne ein Zug überhaupt fahren, wenn er überall halte? Ob es nicht besser wäre, einen späteren Anschluss zu wählen, der gerade nicht überall halte und sich also zumindest in kleinen Etappen fortbewege?

Die mathematischen (oder gar philosophischen?) Kapazitäten der Gruppe reichten nicht aus, um das Problem zu lösen. Einig war man sich nur, dass ein Zug weder überall halten kann, wenn er nicht fährt, noch fahren, wenn er überall hält. Aber es setzte sich doch die Auffassung durch, so genau solle man es nicht nehmen. So wurde also der „Hält überall“-Zug voller Spannung bestiegen. Das Hallo war groß, als er tatsächlich fuhr.

Zur endgültigen Beruhigung trug dann die finale Zugführeransage bei, die keineswegs lautete „In wenigen Minuten erreichen wir Radolfzell“, sondern: „In wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Radolfzell.“ Diese Zusatzinformation war es, die die Anzeige „Zug hält überall“ der gesamten Reisegruppe einsichtig erscheinen ließ.

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