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Über und ich

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Marcel Beyer (Foto) lässt in seiner zweiten Poetikvorlesung nicht unerwähnt, dass der Name "Kurt Ziesel" kaum auszusprechen sei, ohne dass Erbrochenes mitkomme.
Marcel Beyer (Foto) lässt in seiner zweiten Poetikvorlesung nicht unerwähnt, dass der Name "Kurt Ziesel" kaum auszusprechen sei, ohne dass Erbrochenes mitkomme. © imago/Robert Michael

Ein „und“ in einer Überschrift gehört nicht zu den Sternstunden des Redakteursdaseins. Wer etwas auf sich hält, verwendet das „und“ in der Überschrift sparsam. Oder?

Das Über-Ich ist nicht so leicht abzuschütteln. Wer es versucht, dem zeigt es die Zähne. Die Zähne sind glücklicherweise nicht so grausig, wie die der Bärin, die Leonardo Di Caprio in dem Film „The Revenant“ schier umbringt. Auch kann das Über-Ich es zwar nicht leiden, wenn man oft ins Kino geht, aber es ist zu besänftigen, wenn der Besuch sich beruflich nutzen lässt. So weit so gut.

Kürzlich entwickelte sich also ein spaßiges Gespräch unter Kollegen. Sein Gegenstand war die Konjunktion „und“ in Überschriften. Damit verhält es sich so: Ein „und“ in einer Überschrift gehört nicht zu den Sternstunden des Redakteursdaseins. Wer etwas auf sich hält, verwendet das „und“ in der Überschrift sparsam. Nein, gar nicht. Denn so verlangte es das Über-Ich, das heißt ein kleiner Bestandteil des ungeheuer vielfältigen Über-Ichs, ein Bestandteil, an dem sich zahlreiche FR-Redakteurinnen und -Redakteure, nicht so bärenstark, die Zähne ausbeißen.

Denn einiges verschleift sich über die Jahre und auf der glatteren Fläche huscht das Überschriften-„und“, klein und für sich genommen vollkommen geschmacksneutral wieder herein. Mit einem „und“ kann man einfach noch eine Sache mehr sagen. Es ist zudem entspannend, eine Überschrift mit einem „und“ zu machen. Man hätte die ganze Geschichte fast vergessen, hätte nicht das weniger ausgelaugte Über-Ich des Kollegen kürzlich den Menschen im Raum die Leviten gelesen. Nicht dass das weniger ausgelaugte Über-Ich eines Kollegen einen Wahnsinnseinfluss hätte. Es wurde viel gelacht.

Dann aber kam die zweite Hälfte der zweiten Frankfurter Poetikvorlesung von Marcel Beyer. Darin ging es Bayer auch kurz um den rechten Publizisten Kurt Ziesel (1911-2001). Er ließ nicht unerwähnt, dass dieser Name kaum auszusprechen sei, ohne dass Erbrochenes mitkomme. Mit einer nicht weiter zur Schau gestellten, rein auf dem Wort basierenden, geradezu genussvollen Verachtung zitierte er einige Ziesel-Buchtitel, darunter „Krieg und Dichtung“ (1940), aber auch „Schwarz und Weiß in Afrika. Wirklichkeit und Legenden. Beobachtungen und Erfahrungen in Rhodesien, Südafrika und Südwestafrika“ (1973). Schier unglaublich, so Beyer, dass es Ziesel gelungen sei, das Wort der Unentschlossenen/Gierigen, „und“, gleich viermal in einem Titel zu platzieren. Er sprach es hinfort als etwas derart Unappetitliches aus, dass jedes „und“ im Saal, sei es ein Überschriften-, ein lyrisches oder ein Wortsuchverknüpfungs-„und“, sich beleidigt gefühlt hätte. Unsereiner genierte sich.

So ergeht es jenen, die sich über ihr Über-Ich lustig machen.

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