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Im Jahre 2022 hat Twitter nur noch 1583 Kunden.

Times mager

Twitter - bald Vergangenheit?

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Die zwanziger Jahre kosteten jede Menge Nerven. Freuen wir uns also über die LGÜ, die Lautlose Gedankenübertragung.

Wir blicken zurück auf das Jahr 2022 unserer Zeitrechnung. Twitter hatte noch genau 1583 Kunden, weltweit, von denen einer Donald Trump hieß. Zwar gab es eine parteiübergreifende Gesetzesinitiative, wonach Gefängnisinsassen das Twittern verboten werden sollte, aber Präsidentin Obama war dagegen, einem alten Mann, der lebenslänglich einsitzt, die letzte Freude zu nehmen. (So war sie halt.) Oder eigentlich die vorletzte. Denn an jedem dritten Donnerstag im Monat durfte Häftling Trump mit dem im vereinigten Korea einsitzenden Kim Jong Un skypen.

Jedes Mal beschimpften sich die beiden und hatten einen Riesenspaß. Wie auch die Wärter. Aus dem Gefängnis geschmuggelte Mitschnitte wurden auf dem Schwarzmarkt gehandelt, bis sie auf Youandmeandeveryonetogethertube auftauchten und die Nachfrage zusammenbrach.

Im Jahr 2022 war Twitter beinah schon Vergangenheit, hatte sich aber eine Erfindung des Jahres 2017 durchgesetzt, mittels derer man auch an seinem Lieblingsplatz – Restaurant, öffentliches Verkehrsmittel, Supermarkt – diskret telefonieren konnte. Die Vorrichtung hieß Hush me (Bring mich zum Schweigen) und sah ungefähr aus wie etwas, das sich Filmleute für Hannibal Lecter hätten ausdenken können, wenn 1991 das weitverbreitete öffentliche Telefonieren vorausgeahnt worden wäre: Wie ein Maulkorb nämlich für Spezies, die keine Schnauze haben.

Das Hush-me-Gerät wurde um den Kopf herum und über den Mund geführt, wo es dann verhinderte, dass etwas von dem nach außen drang, das nur für den Gesprächspartner bestimmt war. Man könnte fragen: Was soll das sein im Jahr 2022, damals hatte doch schon jeder alles mindestens einmal in der S-Bahn verhandelt, einschließlich der wirklich peinlichen Sachen.
Trotzdem nutzte 2022 jeder Hush me. Der S-Bahn-Mitreisende schräg gegenüber zum Beispiel hatte Hush me Regen gewählt. Um seinen Kopf rauschte es so, dass man nach der Pfütze unter seinen Füßen schaute. Zwei Plätze weiter zwitscherte, pfiff, plinkerte die Variante R2D2.

Daneben saß Darth Vader und atmete schwer, sehr schwer. (Gelegentlich wurde aus Versehen der Notarzt gerufen, dabei telefonierte nur jemand.) Weiter gab es Hush me- Werbung: „mit passiver Stimmunterdrückung und aktiver Stimmtarnungstechnologie“ – in den Gesprächüberdeck-Varianten Minion („Juhu! Juhu!“ usw.), Affe („huhuhuhuhaahAAhAAhAAAA!“), Eichhörnchen. (Wenn Eichhörnchen tatsächlich so klingen würden, wären sie schon von den Neandertalern ausgerottet worden. Und das zu Recht.) Die aktive Technologie Vogel klang wie ein solcher auf Stimmungsaufhellern.

Die zwanziger Jahre kosteten jede Menge Nerven. Freuen wir uns also über die LGÜ, die Lautlose Gedankenübertragung, deren Technik inzwischen so perfektioniert ist, dass beliebig viele Personen zu-, aber auch abgeschaltet werden können.

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