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Die gemeine Taube steht der Turteltaube in Anmut und Grazie in Nichts nach.

Times mager

Turtel!

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Das Kind war gern des Turteltäubchen, bis es keins mehr sein wollte.

Zum Kose-Wortschatz der Mutter für das Kind gehörte das Turteltäubchen wie das Schmusebärchen. Und gar nicht brauchte es, damit das Kind sich wie ein Turteltäubchen fühlen durfte, ein gleichaltriges Täubchen. Denn zu Recht war die Mutter der Meinung, sie könne das zweite Täubchen geben. Dann sagte sie meistens, Komm her, mein Turteltäubchen, lass uns ein bisschen turteln. Oder: Komm her, mein Schmusebärchen, lass uns ein wenig schmusen. Dann knuddelte sie das Kind, auch das „lass mich dich knuddeln“ war so ein Muttersatz, und das Kind lachte und knuddelte zurück. Und manchmal versuchte es zu gurren, was aber eher zu einem Gickeln und Gackeln wurde.

Das Kind war gern das Turteltäubchen oder Schmusebärchen, bis es – man könnte meinen, von einem Tag auf den anderen – kein T. und auch kein S. mehr sein wollte. T. und S., das war was für Kinder, für kleine Kinder. Und das Kind war kein kleines Kind mehr, es fand auch das Knuddeln nun blöd, denn es begann sich zu interessieren fürs Turteln mit dem anderen Geschlecht. Aber nie wäre es auf die Idee gekommen, den Jungen von nebenan Täubchen oder Bärchen zu rufen, das wäre ja peinlich gewesen.

Lange Zeit hat selbst die Erwachsene noch gedacht, dass das Turteltäubchen eine Erfindung ist wie das Schmusebärchen. Wahlweise, dass zwei Exemplare jeder beliebigen Taubenart automatisch zu Turteltäubchen werden, wenn sie – nun ja, knuddeln können sie ja nicht, also nicht direkt – die Köpfe zusammenstecken und nett zueinander sind.

Zu identifizieren und benennen vermochte das Kind im elterlichen Garten den Star, beobachtete ihn, wie er Regenwürmer aus dem Boden pickte und, sie souverän im Schnabel haltend, ein Wurmteil baumelnd rechts und links, übers Gras flog. Vermochte auch Bunt- und Grünspecht den jeweils richtigen Namen zu geben, die klopften, als gäbe es keine Mittagspause. Und sowieso dem Dompfaffpaar, das schon wegen seiner so unterschiedlichen Färbung eine Sensation war (ehrlich gesagt war eher das Männchen die Sensation, Farbe macht halt immer was her). Alles andere, was aussah wie Taube, ob grau, braun, mit Kringel oder ohne Kringel – war Taube. Also auch Turteltaube.

Nun ist die Turteltaube zum Vogel des Jahres gekürt worden, man kann sich aus diesem Anlass noch einmal ansehen, dass sie doch eigentlich nicht aussieht wie andere Tauben. Dass sie doch äußerst schnittige Streifen am Hals hat. Und kleidsam reh- bis milchkaffeebraun gesprenkelte Flügeldecken. Die Erwachsene nimmt sich vor, mal die Augen offenzuhalten. Und wer weiß, vielleicht entdeckt sie auch ein echtes Schmusebärchen.

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