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Klangwechsel beim John-Cage-Orgel-Kunstprojekt.

Times mager

Tropfenweise

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Zeit ist relativ, wie sich beispielsweise in Konferenzen, im Dom von Halberstadt und beim Pechtropfenexperiment zeigt.

Zeit ist besonders relativ in einer Konferenz sowie vor Redaktionsschluss. Hier müsste man die schneckenartig verlaufende Zeit gegen die rasende austauschen können, aber alle entsprechenden Versuche waren bisher vergeblich. Denn mit der Zeit stimmt auch etwas ganz grundsätzlich nicht. Da ihr nicht auf die Schliche zu kommen ist – den Tempowechseln zur Unzeit, der Unerbittlichkeit, weil das Relative an ihr doch nie einen echten Stillstand oder gar ein Zurück beinhaltet –, lohnt es sich zuweilen, in die große Dimensionen zu schauen.

Zum Beispiel lässt sich daran denken, dass im Dom von Halberstadt bis zum Rest unser aller Leben John Cages Stück „Organ2/ASLSP“ vorankommen, aber noch nicht einmal zu einem Bruchteil gespielt sein wird. Insgesamt wurden hier – aus gewissen symbolischen Gründen, die achtzehn Jahre nach Beginn kaum noch nachzuvollziehen sind – 639 Jahren veranschlagt, um Cages im Titel abgekürzte Anweisung „As slow as possible“ für das achtseitige Stück umzusetzen. Am 5. September 2020 soll der nächste Tonwechsel erfolgen, der erste nach sieben Jahren.

Das ist freilich noch nichts gegen die zeitlichen Abstände, die sich beim Pechtropfenexperiment von Queensland ergeben. Hier gibt es keinen Plan, nur den seit 1930 geöffneten Trichter, in den drei Jahre zuvor erwärmtes Pech eingefüllt worden war, das ausreichend Zeit bekam, sich zu setzen. Nun fließt es nach Art von Pech dennoch weiter. In einer für menschliche Verhältnisse absolut provozierenden Langsamkeit. Der erste Pechtropfen fiel 1938, der achte fiel am 28. November 2000. Aber der 28. war doch gestern, werden Sie sagen, aber bei diesem Präzisionsbedürfnis kann der neunte Tropfen nur müde lächeln, der 2014 fiel, sich jedoch bloß halbwegs vom Trichter löste, wie auch der achte Tropfen dem Vernehmen nach noch nicht völlig unten ist. Der Fall des achten – vor so gut wie 19 Jahren – war übrigens der erste des Experiments, der mitgefilmt werden sollte. Allerdings fiel die Webcam im entscheidenden Moment aus. Das muss man sich mal vorstellen.

Kunst und Natur haben Zeit, die unsereinem fehlt. Diese Zeit ist länger und gleichmäßiger verteilt. Sinnlos aber, darüber zu spotten, dass das nie zum geplanten Ende kommen wird. Die Welt wird untergehen, der Strom abgestellt werden. Jemand wird den Trichter umstoßen, und irgendwann findet sich keiner mehr, der ihn wieder hinstellt. Die Menschen werden sich für anderes interessieren. Sicher ist allerdings, dass das alles ohne uns sein wird. Also erschreckt man sich etwas und schaut sich wohlwollend in der Konferenz um. Für ein Weilchen ist alles wieder im Lot im Hier und Jetzt.

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