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Der französische Kaiser kommt auf seinen Feldzügen voran, während der Forscher ausgebremst wird.

Times mager

Traurige Zeit

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Von Marseille über das Meer schauend, muss Alexander von Humboldt erkennen, dass seine Pläne einmal mehr zerschellen. Die Feuilleton-Kolumne zum 250. Geburtstag des Forschers.

Einmal mehr sitzt er auf gepackten Koffern, läuft tagtäglich ans Ufer, hält Ausschau nach dem angekündigten, überfälligen Schiff, der Fregatte Jaramas, auf der er sich einschiffen will. In See stechen! Allein die Formulierung ist kühn, doch die Wirklichkeit schnöde. Die Jaramas ist untergegangen, mit dem Schiff alle Mann an Bord, was Alexander von Humboldt erschreckt, aber nicht abschreckt, wie er unmittelbar ergänzt, denn der Entschluss steht für ihn fest.

Von Marseille aus soll „bald möglichst“ Europa der Rücken gekehrt werden. Die Ziele auf der anderen Seite des Meeres lauten Algier, das Atlasgebirge, er hat sich Tunis und Tripolis in den Kopf gesetzt, auf der Route „vermittelst der Karavane, welche nach Mekka geht“, will er sich der Afrikaexpedition des von Erfolg zu Erfolg wahrhaftig eilenden Bonaparte anschließen. Beide, der spätere Kaiser der Franzosen, Napoleon, und der zukünftige Weltbürger, Alexander von Humboldt, sind derselbe Jahrgang, 1799 sind sie 30 Jahre alt.

In den Feldzug setzt auch die Wissenschaft ihre ganz eigenen Hoffnungen, spekuliert auf Einsichten und Erkenntnisse bisher unbekannter Natur. Auch Afrika ist eine neue Welt, an erster Stelle gilt es, das uralte Ägypten wiederzuentdecken. Den napoleonischen Truppen schließt sich ein Tross von Archäologen, Kunsthistorikern und Naturwissenschaftlern an. Während jedoch der französische Befehlshaber Tag für Tag unnachahmlich vorankommt, muss der junge Forscher verharren, zwei Monate in Marseille ausharren – und vergeblich hoffen.

Ein Detail, an dieser Stelle von vielen Biografen mit keinem einzigen Wort erwähnt, ist allerdings besonders aktuell. Es betrifft nicht nur die Tatsache, dass wegen des Feldzugs Napoleons das Kriegsrecht herrscht, das Franzosen und Engländer zu Feinden macht, und dazwischen die Preußen, auch in der Ferne Afrikas.

Hinzu kommt noch ein anderer Konflikt, der Humboldts Pläne scheitern lässt: „Bald darauf kam die Nachricht an, dass der Dey von Alger die Karavane nach Mekka nicht abgehen lassen wolle, damit sie nicht durch das von Christen verunreinigte Aegypten ziehe. Traurige Zeiten, in denen man, trotz aller Aufopferungen, und wollte man Millionen daran wenden, nicht sicher von Küste zu Küste kommen kann!“

Von Marseille über das Meer schauend, und gelegentlich nutzte er neben dem Ufer einen erhöhten Aussichtspunkt, zerschellten seine Pläne einmal mehr. Sie zerschlugen sich wegen religiöser Motive, dessen Sendungsbewusstsein niemals so erfolgreich gewesen wäre, wenn es nicht über so ausgeklügelte Kommunikationsnetze verfügt hätte, in die auch ein Humboldt nicht nur frohgemut verstrickt war.

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