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Trance

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Von: Stephan Hebel

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Bundeskanzler Olaf Scholz zu Gast bei Anne Will
Kanzler Scholz bei „Anne Will“. (Archiv) © Wolfgang Borrs/dpa

Heute fragen wir: Ist Bundeskanzler Olaf Scholz doch ein Kommunikationsexperte, vielleicht sogar ein besonders guter?

Kurze Frage: Sind Sie schon wach? Oder doch so ein bisschen in Trance? Wenn Letzteres, dann haben Sie das einzig und allein Olaf Scholz zu verdanken. Und wenn Sie das jetzt nicht glauben, müssen Sie eine „Kommunikationsexpertin“ fragen (was für ein schöner Beruf, „Kommunikationsexpertin“!), am besten die „Kommunikationsexpertin“ Isabel García. Sie hat herausgefunden, warum Sie noch in Trance sind, obwohl der Tag auch nicht mehr der Jüngste ist.

„Bundeskanzler Olaf Scholz wählt seine Worte so allgemein, dass jeder sich irgendwie darin wiederfinden kann – ähnlich wie in einem Horoskop“, so berichtete „Kommunikationsexpertin Isabel García“ dieser Tage in einem Podcast, über den wiederum ein auf Medien spezialisiertes Internetportal berichtete, wahrscheinlich, weil auch dieses Portal ausschließlich aus Kommunikationsexpertinnen und -experten besteht. „Sie selbst (also die Kommunikationsexpertin Isabel García, Anm. d. Red.) habe diese Technik in ihrer Ausbildung als Hypnotiseurin gelernt: Nie so konkret zu werden, dass man jemanden aus seiner Trance herausreißt.“

Sehr schön, nur: Wenn ein Bundeskanzler in der Lage ist, sein von Krisen geängstigtes Volk durch Hypnose in Trance zu versetzen, was könnte das bedeuten? Dass er ein Kommunikationsexperte ist, vielleicht sogar ein besonders guter? Oder gerade nicht? Und was soll es uns sagen, wenn uns jeden Morgen eine Kommunikationsexpertin und jeden Abend ein Kommunikationsexperte exakt nach der Methode Scholz in Trance versetzt, indem sie oder er uns mitteilt, wie gut oder schlecht der Bundeskanzler irgendetwas kommuniziert, so lange, bis uns endgültig der Inhalt dessen egal ist, was er da gut oder schlecht kommuniziert oder auch gar nicht?

Ein Glück, dass wir, die Medien, uns mit aufklärerischem Anspruch der Entpolitisierung von Politik entgegenstemmen. So wie die „Zeit“, das Flaggschiff des Konsenses über bürgerliche Lebensfreude nebst maßvollen Standardeinstellungen zu den Krisen unserer Zeit. Hier wurde gerade die Nachricht glossiert, dass die Deutsche Bahn erstmals einen ICE fahren ließ, in dem nur Frauen arbeiteten. Der „Zeit“-Autor stellte sich (haha!) vor, dass irgendwann auch nur noch Frauen als „Passagiere“ (sic!) mitfahren dürften: „Dann wären die Wagen nur noch halb so voll, und in der zweiten Klasse gäb’s Prosecco für alle.“ Hahaa! Tusch! Lauter saufende Damen, zweitklassig, großes Schenkelklopfen!

Nebendran stand ein Leitartikel mit dem Titel „Plötzlich modern“. Gemeint war natürlich nicht die „Zeit“, sondern die CDU. Wahrscheinlich hat da eine Kommunikationsexpertin vorbeigeschaut.

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