Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Es ist schwer zu beurteilen, was heute noch faszinierender ist: Das Hörspiel selbst oder die Menschen, die darüber schimpften.
+
Es ist schwer zu beurteilen, was heute noch faszinierender ist: Das Hörspiel selbst oder die Menschen, die darüber schimpften.

Times mager

Träume

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
    schließen

Am Abend des 19. April 1951 liefen beim Nordwestdeutschen Rundfunk die Telefondrähte heiß: Das Hörspiel „Träume“ von Günter Eich überrumpelte das Publikum an den Radios.

Am schlimmsten war offenbar der zweite Traum. Im zweiten Traum, den die Tochter des Reishändlers Li-Ven-Tshu am 5. November 1949 geträumt hat, verkauft ein armes chinesisches Paar seinen sechsjährigen Sohn – „beste Zucht“ – an einen reichen Greis, dessen Leben mit dem Blut von Kindern wohl schon seit geraumer Zeit erfolgreich verlängert wird. Dem Kind wird eine Eisenbahn versprochen. Sie sei in der Küche. „Der Kleine will jetzt mit der Eisenbahn spielen.“ Der alte Mann ist besorgt darüber, dass es diesmal ein Dienstmädchen machen soll. Ist jetzt was zu hören? Die Frau beruhigt ihn. „Es ist still und wird auch alles still bleiben.“

Nicht still blieb es heute vor 70 Jahren beim damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk, wo Günter Eichs bahnbrechendes Hörspiel „Träume“ – mit insgesamt fünf abgründigen Alpträumen, von denen der mit dem Kind noch übersichtlich wirkt – am Abend ausgestrahlt wurde. Anschließend eine Gesprächsrunde (man wusste durchaus, was man da servierte). Aber schon während der Sendung stand das Telefon kaum still.

Es ist schwer zu beurteilen, was heute noch faszinierender ist: Das Hörspiel selbst oder die Menschen, die darüber schimpfen. Interessanterweise ist der Ton zwischen beiden Sendungen – dem Eich-Hörspiel und dem effektvollen Zusammenschnitt aus den Reaktionen, beides unter ndr.de zu finden – ähnlich. Es mag der Ton von 1951 sein. Verhalten, um Seriosität und Zivilisiertheit bemüht. Außerdem spielt das zweite Hörspiel – der Reaktionsteil – unter Norddeutschen. Einerseits sind sie entsetzt, angeekelt usw., andererseits müssen sie sich schon ein wenig anschieben, um recht in Rage zu kommen über diese Zumutung nach einem langen Arbeitstag, über den Quatsch, den Scheiß (ja, auch das), der „kaum irgendeinen mitteleuropäischen Geschmack“ treffe. Das sei „schweinemäßig“, „zum Kotzen“, etliche wollen die Presse verständigen, mindestens einer die Polizei, einer will überhaupt „entsprechende Schritte unternehmen“, und die Frage nach den Rundfunkgebühren ist offenbar so alt wie der Rundfunk selbst.

Aber es herrschen neben Entrüstung auch Verlegenheit, Überforderung. Ein Mann formuliert, da werde einem Kind Blut abgenommen. Dass er das passende Wort „Schlachtung“ nicht in den Mund nehmen kann, demonstriert, wie sich der Abend am Rande des Unaussprechlichen bewegt.

Der Redakteur am Telefon ist die Ruhe selbst. „Können Sie mir sagen, wie lange das Hörspiel noch geht? Das ist ja nicht zum Aushalten“ – „Zwölf Minuten“ – „Danke sehr, auf Wiederhören“. Am Ende eine jüngere Frauenstimme: „Mir gefiel es prima“, wie denn sonst so die Resonanz sei. Negativ, sagt der Redakteur, leicht erschöpft. Ach je, sagt die Frau. Schließlich noch einer, der fragt, wann die Tanzmusik anfängt. In zwei, drei Minuten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare