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Traurige Frau weint mit zerlaufendem Make-up
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Traurige Frau weint mit zerlaufendem Make-up

Times mager

Tränen

Die Tradition, im Theater zu weinen, nimmt in einer New Yorker Produktion derzeit etwas überhand.

Die leicht fließenden, salzlosen Tränen der Ungebildeten, die in Thomas Manns „Zauberberg“ die berüchtigte Frau Stöhr bei der Abreise des todgeweihten Joachim vergießt, verfolgen noch die überübernächste Generation. Der schnellen Träne am Rande haftet etwas Banales, um nicht zu sagen: Schändliches an – hier wird die schnelle Träne am Rande übrigens mit der Krokodilsträne in einen Eimer gegossen –, obwohl auch sie doch (anders als die Krokodilsträne) Ausfluss echten Kummers, Leidens, Mitleidens sein mag, nur eben an unerwarteter Stelle. Weil ein dreibeiniges Kastanienmännchen im Kindergartenfenster umgefallen ist. Weil ein Mensch krumm über die Straße geht.

Wenn der theaterinteressierten New Yorkerin zum Heulen zumute ist, begibt sie sich, folgt man einem entsprechenden Bericht der „New York Times“, ins Public Theater, um „Tiny Beautiful Things“ mit Nia Vardalos anzusehen, die von Vardalos hergestellte Bühnenfassung eines Romans von Cheryl Strayed. Ein mit anderen Darstellern aufgelockerter Monolog einer Kummerkastenadressatin. Vardalos berichtet der Zeitung, deren Vertreterin es auch mit eigenen Ohren hört, wie im Publikum geweint wird, leise geweint, laut geweint, in jeder Vorstellung geweint. Sie habe Erfahrungen mit klingelnden Mobiltelefonen, mit Schnarchenden in der ersten Reihe, aber das sei neu für sie. Hinterher äußern sich ausschließlich Frauen – „Es war wie eine Gruppentherapie.“ „Die Zeit ist geflogen.“ „Als die Dame hinter mir schluchzte, dachte ich: So schlecht geht es dir auch wieder nicht.“

Nun ist es nicht leicht für Außenstehende, US-amerikanische Kultur zu verstehen. Standfester Optimismus kann hier zu einer Begeisterung führen, die auch im kollektiven Tränenvergießen nur das Lebenszugewandte erkennen kann. Das ist wohl nicht direkt eine Katharsis, aber ein wohliges Gefühl. Dennoch ist die Theatergängerin auf vertrautem Terrain. Seit der Zuschauerraum verdunkelt wird bis zum Einschreiten der Feuerwehr und nicht mehr, wie noch ins 19. Jahrhundert hinein, heller ist als das Geschehen auf der funzelig beleuchteten Bühne, ist hier gut Schniefen.

Unangenehm ist das lediglich, wenn der Regisseur wieder einmal zur Abwechslung auf die Idee kommt, bereits kurz vor dem Ende des Stückes das Saallicht anzustellen. Das Publikum soll mitdenken und nicht weinen. Aber Brünnhilde hat eben die Welt angezündet. Man ist wie eine kleine Spinne auf dem Sofa, wenn die Besitzer nach Hause kommen, das Licht anknipsen, und die Spinne sitzt dumm da und weiß nicht, wohin mit sich.

Sie werden gemerkt haben, dass das Times mager das Wort Tante im nichtverwandtschaftlichen Zusammenhang tunlichst meidet. Wir sind sentimental, aber wir ärgern uns auch leicht.

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