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Töricht

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Von: Judith von Sternburg

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Wer ist hier töricht? Aktion der „Letzten Generation“.
Wer ist hier töricht? Aktion der „Letzten Generation“. © Kay Nietfeld/dpa

Doof und dusselig, unterbelichtet und unklug. Und dann ist da noch das Schimpfwort „töricht“, mit dem man andere in den Senkel stellen kann. Die Kolumne „Times mager“.

Die perfide Wirkung des Wortes töricht frappiert stets aufs Neue. Nichts Gemütliches haftet ihm an wie dem Wort doof, nichts Lustiges wie dem Wort dusselig, nichts Zorniges wie dem Wort unterbelichtet, und es ist trotzdem nicht so höflich wie das Wort unklug. Den Vorwurf, töricht zu sein, kann man nicht mit der Schulhofantwort „selber töricht“ kontern. Der eine Grund dafür liegt darin, dass das Wort töricht immer von oben nach unten verwendet wird, und wer das Gefälle bisher nicht bemerkt hat, bemerkt es jetzt. Der andere Grund liegt darin, dass Nutzer und Nutzerinnen des Wortes bereits durch die Nutzung klarstellen, dass sie niemals nie damit gemeint sind.

Den schlechten Ruf, den es darum haben sollte, hat es aber nicht. Als es jüngst wieder in vielbeachtetem Zusammenhang in der FAZ fiel – kurz gesagt, um zu sagen, wie bescheuert die Verteidiger (und Verteidigerinnen) der „Letzten Generation“ seien –, fanden sich auch gleich Stimmen, die das Wort schön fanden. Das lag natürlich daran, dass sie die Verteidiger (und Verteidigerinnen) der „Letzten Generation“ ihrerseits bescheuert finden. Logisch (aber klug?), man findet schön, was der eigenen Meinung entspricht und die anderen so richtig in den Senkel stellt.

Die private Distanz zu dem Wort töricht reicht aber länger zurück. Sie liegt bestimmt nicht an dem Wort selbst, einem schmucken ö, einem stimmlosen uvularen Frikativ, einem knappen i, einem stimmlosen palatalen Frikativ, das Ganze eingegrenzt von zwei dentalen Plosiven. Mehr hat das Deutsche an Aussprachefinessen kaum zu bieten.

Nein, die private Distanz ergab sich in Reli, wo das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen durchgenommen wurde. Gleichnisse sind für Kinder oft ein Ärgernis, während Erwachsene denken, sie könnten Kindern damit flugs etwas beibringen. Warum aber haben die klugen die törichten Jungfrauen nicht eindringlicher gewarnt? Ist es nicht ein fadenscheiniges Argument, ihnen nichts von den Ölreserven abzugeben, weil es dann für keinen reiche? Weiß man’s? Könnte man nicht mit weniger Lampen gemeinsam zu diesem Hochzeitssaal gelangen, in dem noch mal wer wen heiratet? Müssten sich die klugen nachher bei Gott nicht ultimativ für die törichten Jungfrauen starkmachen, die sie doch vermutlich seit Ewigkeiten kennen? Lange Rede, kurzer Sinn: Was ist schlimmer, in einer Situation töricht zu sein oder selbstgerecht und bequem? Super, ich bin drin im Saal, wurscht, was hinter mir noch so los ist. Denn diese Hochzeit scheint die Party des Jahres gewesen zu sein, das muss man zugeben.

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