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Tingo

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Von: Thomas Stillbauer

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Tingo: die widerrechtliche Aneignung einer Bohrmaschine, die man ausgeliehen, aber nicht zurückgegeben hat.
Tingo: die widerrechtliche Aneignung einer Bohrmaschine, die man ausgeliehen, aber nicht zurückgegeben hat. © REUTERS

Fein, liebe Yámana, dass ihr es einmal mit einem einzigen Wort auf den Punkt gebracht habt.

Aus der gegen Ende des abgelaufenen Jahres veröffentlichten Top-Ten-Liste der Begriffe, die man nicht übersetzen kann, oder jedenfalls nicht so mir nichts, dir nichts, ragt Mamihlapinatapai heraus. Ein Wort, das die meisten von uns, wenn sie ehrlich sind, bei Tischgesprächen oder Neujahrsempfängen eher selten parat haben.

Auch die Yámana, die Ureinwohner Feuerlands, gehen sparsam damit um, denn Mamihlapinatapai (merken Sie was? Beim zweiten Mal kommt es schon viel leichter über die Lippen) bedeutet ungefähr so viel wie: Situation, in der zwei Personen einander richtig super finden und auch schon verstohlen Blicke austauschen, aber beide sind zu mucksch, um den ersten Schritt zu tun, weshalb sie hoffen, dass der andere die Zügel an sich reißt, was aber nicht geschieht.

Fein, liebe Yámana, dass ihr es einmal auf den Punkt gebracht habt. Im Prinzip kann jetzt jeder, der in eine solche Situation gerät, mit einem einfachen siebensilbigen Wort, vielleicht flankiert von schüchtern niedergeschlagen Augen, den Bann brechen: „Mamihlapinatapai, gell?“

Knapp dahinter auf Platz drei der Wörter, die man nicht hopplahopp übersetzen kann, landete Tingo. Das beschreibt auf gut Rapanui (polynesischer Dialekt) die widerrechtliche Aneignung von Gütern, hier: einer Bohrmaschine, die man ausgeliehen, aber nicht zurückgegeben hat, so dass sie nach vielen Jahren zum Besitzstand des Entleihers gehört.

Eine Sauerei natürlich, aber wer kennt das nicht. Gibt’s übrigens auch mit „Micky Maus-“ und „Illustrierte Klassiker“-Heftchen aus den 50er Jahren, die inzwischen so wertvoll sind, dass man sie verkaufen und fortan zufrieden in seinem geheizten Wintergarten sitzen könnte, statt sich mit Wörtern zu beschäftigen, die schwer zu übersetzen sind, wenn man die Hefte noch hätte und nicht der Mitschüler R., dem man sie vor 42 Jahren geliehen hat, woran sich der Mitschüler R. leider nicht mehr erinnern kann.

Trotzdem danke, liebe Bewohner der Osterinsel, für den Begriff Tingo, und viel Glück mit der Bohrmaschine.

Zu recht nur auf Platz zehn verzeichnet die Liste Bakku-Shan. So nennt der Japaner eine „Frau, die von hinten besser aussieht als von vorn“. Nicht gerade die feine japanische Art. Und auf Platz eins? Verschlimmbessern. Na ja.

Hier noch ein Themensprung hin zu Formulierungen, die sich besonders leicht übersetzen lassen: Als Viertklässler sagten wir „Messer ohne Klinge, wo der Griff fehlt“, wenn wir Nichts meinten. Noch einfacher wäre gewesen: Eierloch, mal ganz abgesehen vom Relativsatz mit wo.

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