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„Morbus Kitahara“ spielt am Traunsee und ist nicht ohne.

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Christoph Ransmayrs „Morbus Kitahara“ spielt am Traunsee - und ist nicht ohne.

In den Bergen kann man viel unternehmen, nämlich mit einem Ruderboot über den See fahren, in sozial unkontrollierten Mengen Bier trinken oder mit großen Schirmen durch die Luft fliegen wie ein Vogel. Wem das alles nicht passt – obwohl es ja bereits sehr abwechslungsreich ist, aber ein Minimum an Mumm erfordert es schon jeweils –, greift in der kleinen, vom harmlosen Schicksal zusammengewürfelten Bibliothek des Gasthofs zu Christoph Ransmayrs „Morbus Kitahara“. „Morbus Kitahara“ spielt nicht fern von hier am Traunsee und ist allerdings ebenfalls nicht ohne. Es ist sogar über die Maßen unerwartet, ein solches Buch hier zu treffen, vielleicht nicht zufällig, sondern ratlos hier zurückgelassen, weil es die Empfehlung eines risikobereiten, jedenfalls tollkühnen Buchhändlers war. Oder voller missionarischer Hoffnung, weil der Buchhändler mit seiner Empfehlung das Leseleben eines Unbekannten von Grund auf verändert hat.

„Dieser Roman spielt im Salzkammergut, eine spannende Geschichte.“ Gewiss, das könnte der Buchhändler gesagt haben, und es wäre ihm keine Unwahrheit nachzuweisen.

Wer jedenfalls „Morbus Kitahara“ schon gelesen hat, oder wer Angst vor „Morbus Kitahara“ hat, wer aber auch Angst vor der Mitte eines Sees, Angst vor einem Kater und eh Flugangst hat, macht einen Ausflug mit der Seilbahn. Auch die Seilbahn ist nicht ohne. Man springt auf, man kann aber zum Glück wahnsinnig langsam aufspringen, man kann geradezu eintreten, auch wenn man doch einen kleinen Schreck bekommt, weil der Fuß schon ein Stück weg ist und der Rest hinterher muss. Das ist aber immerhin eine zu bewältigende Aufgabe. Es ist geschultes Personal anwesend, das aufregende Dinge sagt wie „Pfiat eich“. Ferner sind Netze an allen verfügbaren körpergroßen Durchschlupfen befestigt, um etwaige und noch so unwahrscheinliche Missgeschicke zu verhindern.

Erst kann man gar nicht hinsehen, dann kann man nur noch hinsehen. Oben gibt es Pflaumenkuchen oder den Eisbecher „Alles Banane“ – ihn bestellen kichernd die jungen Frauen am Nebentisch – mit Blick auf zweifellos namhafte Berge. Rüstige Leute kommen zu Fuß hier an und gehen direkt weiter. Ja, es geht noch etwas weiter hoch.

Am Abend das erhebende Gefühl, einmal wieder tatsächlich etwas unternommen und erlebt zu haben, dann die Erkenntnis, dass das völliger Quatsch ist, weil Unternehmungen und Erlebnisse sicher nicht darin bestehen, begeistert auf Berge zu starren und Pflaumenkuchen zu essen. Seltsames Leben als ewige Zuschauerin, da kommt man nicht mehr so leicht wieder raus.

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