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Souverän

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Sahra Wagenknecht spricht im Fernsehen über ihren Burnout - und wird plötzlich „menschlich“. 

Kurze Frage zu Sahra Wagenknecht: Welcher Spezies gehörte sie eigentlich an, bis sie am Sonntag um 21:45 Uhr zum Menschen wurde? Zu diesem Zeitpunkt begann die Sendung „Anne Will“, in der Wagenknecht über ihre Burnout-Erkrankung sprach, und der Online-Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ verdanken wir eine Rezension mit der Überschrift „Die Menschwerdung der Sahra Wagenknecht“.

Was also war die Politikerin, bevor sie in eigener Sache persönlich wurde? Sicher wollten die Erfinder der Schlagzeile von der „Menschwerdung“ nicht wirklich behaupten, eine Politikerin sei kein Mensch, solange sie ihre Schwäche nicht öffentlich zelebriert. Aber sie haben ungewollt ein Schlaglicht auf die Tatsache geworfen, dass der politisch-mediale Komplex die inhumanen Begleiterscheinungen des Politikbetriebs schlicht nicht zur Kenntnis nimmt, solange sie nicht den Charakter einer Promigeschichte mit Sensationsgehalt annehmen.

Sicher hat auch Sahra Wagenknecht ausgeteilt. Aber gerade das hätte ihre innerparteilichen Gegner bewegen können, ihrerseits Souveränität zu beweisen. Stattdessen spiegelte sich noch in den internen Reaktionen auf Wagenknechts Rücktritts-Ankündigung vom Fraktionsvorsitz der Linken das arg begrenzte Verständnis dafür, dass „Solidarität“ eben auch einen humanen Umgang mit Andersdenkenden bedeuten könnte.

Viele Respektsbekundungen von „Parteifreunden“ klangen nach lahmer Pflichterfüllung, und Wagenknechts Genossin Anke Domscheit-Berg schoss den Vogel ab, indem sie den Respekt gleich wegließ und von einer „guten Entscheidung“ sprach (was sie später auf unglaubwürdige Weise zurückzuholen versuchte).

Am Sonntagabend war es Thomas de Maizière, der zeigte, wie es eben auch geht. Ausgerechnet Thomas de Maizière, in dessen Ministerzeit man ähnlich wie oft bei Wagenknecht nie wusste, ob das durchgedrückte Kreuz der Pflichterfüllung nur von einem verschluckten oder doch von einem eingewachsenen Lineal verursacht wurde. Ohne gleich einzuschränken, bekundete der CDU-Mann der aus seiner Sicht sehr radikalen Linken schlicht „Respekt“, und er vergaß nicht zu erwähnen, dass ein Outing wie das ihre auch anderen helfe.

Es mag de Maizière zu dieser Souveränität verholfen haben, dass er über die Erfahrung verfügt, bei der jüngsten Koalitionsbildung ziemlich brutal aus der ersten politischen Liga entfernt worden zu sein. Aber selbst wenn, ließ er doch aufscheinen, was zu oft in Vergessenheit gerät: So, wie es um den Politikbetrieb bestellt ist, bedarf es offenbar großer Distanz unter den Beteiligten, um dem Anstand zum Durchbruch zu verhelfen. Und nichts lässt offenbar rücksichtslose Feindschaft so gut gedeihen wie die vermeintliche Nähe einer gemeinsamen Parteizugehörigkeit.

In Zeiten, da der parlamentarischen Demokratie der Burnout droht, ist das kein gutes Zeichen.

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