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J.

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Von: Judith von Sternburg

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Das Kind braucht einen Namen. Bei Büchern ist es ebenso.
Das Kind braucht einen Namen. Bei Büchern ist es ebenso. © Imago

Bis der Urgroßvater mit Enterbung drohte: Über Namensgebungen für frische Erdenbürgerinnen und -bürger kann heftig gestritten werden.

Die Großtante war für P., der Urgroßvater für C., die Großmutter hielt sich feinfühlig zurück, war aber definitiv gegen P. und C. gleichermaßen, wohingegen sie S. etwas abgewinnen konnte. Der Großvater neigte zu S., aber zu einem anderen S., die Tante neigte zu S., aber zu einem dritten, und zu einem vierten neigte inzwischen die Großtante, bevor sie nicht trotzig, sondern überzeugt zu P. zurückkehrte. Der Großvater hatte aus Witz W. vorgeschlagen, was den Urgroßvater aber begeisterte, so dass er sich jetzt für W. aussprach, während die Tante G. ins Spiel brachte, worüber sich die Großtante die Haare raufte. H., darauf hätte sich die Großtante noch einlassen können, aber der Urgroßvater legte sofort sein Veto ein. Wenn Urgroßväter ein Veto einlegen, drohen sie mit Enterbung. Alle lachten, jedoch kam keiner mehr auf H. zurück. P., P., P., rief in den kommenden Wochen die Großtante bei jeder sich bietenden Gelegenheit, um einmal mehr im Leben zu begreifen, wie gering der Einfluss von Großtanten ist.

Die Eltern nannten J. dann J.. Die meisten sagen J.lein oder J.i. J.lein ist der erste uns persönlich nahestehende Mensch, der 2100 noch keine 80 sein wird. Da kann einen ein Schreck durchfahren.

Bei einer Lesung erzählte Judith Hermann kürzlich vom Stress, für ihren Roman „Daheim“ einen Namen zu finden. Es klang wie oben beschrieben, inklusive eines Vetos der Verlegerin. Als „Daheim“ gefunden war, ploppten die Sektkorken. Ein ausgezeichneter Titel für dieses Buch, ein ausgezeichnetes Buch, um über die Zukunft nachzudenken. Man bekommt das Gegenteil von Lösungen geboten, aber Zeit zum Sortieren.

Interessant übrigens, dass Namen für Bücher mindestens so wesentlich sind wie Namen für Menschen. Was wäre aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ geworden, wenn er nicht (spät genug) „Mann ohne Eigenschaften“ genannt worden wäre?

Erwähnenswert ist noch, dass in dem Ort Sören Unbekannte im Laufe der vergangenen Monate ein Ortsschild nach dem anderen gestohlen haben. Wie die „Kieler Nachrichten“ schreiben, sind vier der fünf Tafeln weg. 200 Menschen leben in Sören, man macht sich nicht klar, wie viele Ortsschilder es auf der Welt gibt. „Das Thema kochte in der jüngsten Gemeindevertretung im Bürgerhaus in dieser Woche hoch“, so die „Kieler Nachrichten“. Zwischen 2006 und 2018, heißt es hier weiter, wurden in Deutschland 1600 Kinder Sören genannt – „alles potenzielle Tatverdächtige, wie ein Zuhörer im Bürgerhaus schmunzelnd kommentierte“. Trotzdem nicht lustig, klar. Fair nur, dass die Schuldigen mit der Beute so wenig werden prahlen können wie mit einer gestohlenen „Mona Lisa“.

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