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Proteste als Reaktion auf die Wahl Thomas Kemmerichs zum Ministerpräsidenten von Thüringen. 

Times Mager 

Herr Kemmerich, Sie hätten die Wahl gehabt! 

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Die Wahl in Thüringen fiel überraschend aus. Doch Thomas Kemmerich hätte die Wahl gehabt. Die Kolumne „Times Mager“. 

Echt gemein: Am Mittwoch früh stehen Sie als Local Hero einer Kleinpartei auf, am Nachmittag sollen Sie plötzlich regieren, und am Donnerstag ist schon wieder Schluss. Dabei wussten doch alle, dass Sie sowieso nur aus Spaß kandidiert hatten, wegen „Mitte“ und so, also „bürgerliche Mitte“, weil ja sonst außer den Faschisten nur dieser Revolutionär hinter der Beamtengesichtsmaske zur Wahl gestanden hätte, der das schöne Thüringen unverzüglich in eine sowjetische Besatzungszone verwandeln wollte.

Für niemanden war die Sache so furchtbar wie für Sie. Wie Sie da standen, vor Ihnen die Landtagspräsidentin, und Ihnen wollte das Zauberwort nicht einfallen. Welches Zauberwort? Nur Geduld, wird gleich verraten.

Thüringen: Kemmerich als tapferer Verteidiger der Mitte 

Ja, so ging es dem armen Herrn Thomas Kemmerich von der FDP. Er wird ganz froh sein, dass sein Parteivorsitzender, der Herr Lindner, ihn jetzt wieder zurückgetreten hat. Er hatte es ja, wie gesagt, sowieso nicht ernst gemeint. Eigentlich sollte der linke Ramelow ruhig regieren, er beißt in Wirklichkeit gar nicht.

Wichtig ist zu wissen, dass die FDP und die CDU in Thüringen mit der AfD nichts, aber auch gar nichts zu tun haben wollen. Natürlich konnten sie auch nicht ahnen, was ein thüringischer Professor noch vor der Wahl des Ministerpräsidenten im Fernsehen prognostizierte: dass die AfD ihre Stimmen im dritten Wahlgang statt dem eigenen Kandidaten dem Herrn Kemmerich geben und ihm damit zur Mehrheit verhelfen könnte.

Dass die AfD sooo böse ist, wer kommt da schon drauf? Nein nein, Herr Kemmerich und die FDP und die CDU haben von allem nichts gewusst, da stehen sie in guter deutscher Tradition, im Vonnichtsgewussthaben waren wir schon mal Weltmeister, aber das tut jetzt nichts zur Sache.

Thüringen: Herr Ministerpräsident – Nehmen Sie die Wahl an? 

Da standen Sie jetzt also, der unschuldigst gewählte Ministerpräsident, den ein deutsches Bundesland je besaß. Schon fingen Sie an zu grübeln, wo Sie ein paar Minister hernehmen sollten, AfD ging ja nicht, klar, es reichte, dass Sie von denen gewählt worden waren, Ärger gab das schon genug, das ahnten Sie gleich.

Es kam, wie es kommen musste. Plötzlich stand sie vor Ihnen, die Landtagspräsidentin, und sie fragte, was sie fragen musste: Herr Ministerpräsident Kemmerich (wie das klang! Irgendwie doch ganz nett…), nehmen Sie die Wahl an? Aber Sie, immer noch voll im Schock, kamen einfach nicht auf das verdammte Zauberwort, dabei wäre es so einfach gewesen: Nein! Nein, ich nehme die Wahl nicht an. Also sagten Sie halt „Ja“, wer will schon unhöflich wirken.

Genau so muss es gewesen sein: Klar, man ist Antifaschist, aber man kann auch nicht dauernd daran denken. Gut, dass der Lindner sich kurz erinnerte.

Der Rücktritt des Ministerpräsidenten Kemmerich macht den Tabubruch in Thüringen nicht ungeschehen. Er entbindet CDU und FDP auch nicht davon, ihr Verhältnis zur rechten AfD endgültig zu klären. Der Leitartikel.

Nach der Katastrophe von Erfurt fragt sich: Wer glaubt noch an den antifaschistischen Konsens mit der „bürgerlichen Mitte“? Der Leitartikel.

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