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Ein Gemälde von Francis Bacon: Wer würde es heute wagen, sich da dran zu lehnen?

Times mager

Beschildert

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Kaum fehlt mal ein Verbotsschild, schon lehnen sich die Menschen an feuchte Ölgemälde - selbst wenn sie von Francis Bacon sind. 

Vorsicht, frisch ausgedacht. Lehnen Sie sich nicht gegen diese Glosse. Rütteln Sie nicht an dieser Glosse. Beeinträchtigen Sie nicht ihre Standfestigkeit, bis der Klebstoff zwischen den Zeilen getrocknet ist.

Der britische „Guardian“ berichtet, der Maler Francis Bacon sei einmal, im Jahr 1957, so verärgert gewesen über das Drängeln seiner Galeristin, dass er neue Arbeiten – Öl! – für eine Ausstellung in noch feuchtem Zustand ablieferte. „Einige Leute beschwerten sich bitterlich“, so erzählte es Bacon selbst 1985 in einer just wieder aufgetauchten Tonaufnahme, „dass ihr Jackett voll Farbe gewesen sei.“ Die Galeristin sollen hinterher hohe Reinigungsrechnungen diverser Kunstliebhaber erreicht haben, deren Sonntagsvernissagenanzug mit original Bacon-Farbe beschmutzt worden war. Allerdings, was heißt „beschmutzt“: Heute würden diese Kleidungsstücke bei Sotheby’s oder Christie’s in die Auktion kommen und ein Vermögen wert sein. Außerdem lehnt man sich nicht gegen Gemälde, egal, ob ihre Farbe noch feucht ist oder nicht, egal, ob ein entsprechendes Warn- oder Verbotsschild angebracht ist.

Apropos Schild. In W. dürfen Straßenmusiker nur wochentags spielen, so steht es gut sichtbar am Beginn der Fußgängerzone. Da sind in W. vermutlich alle Anwohner auf Arbeit und die Musiker ungestört. Leuchtet ein. In K. wird gerade am einen Ende eines Park-and-Ride-Platzes an der Zufahrt gebaut, am anderen wurden Einbahnstraßen-Schilder aufgestellt. Leuchtet nicht so ganz ein, denn wie sollen gesetzestreue Bürger nun vom Parkplatz wieder runterkommen? (Zu Ihrer Beruhigung: die Schilder wurden gestern erstmal wieder abgeklebt. Hat sich auch – aus schierer Not, anders nicht heimzukommen! – keiner dran gehalten.)

Das Schild aller Schilder aber sah das Times mager im Urlaub. Es stand am Anfang eines schmalen grasbewachsenen Dorfpfades und lautete, nicht ganz sattelfest, aber viersprachig: „Es ist streng verboten Steine über den Weg zu Werfen. Der Gemeinderat“ (bzw. „Il est strictement interdit ...“, bzw. „Throwing stones acrose ...). Das Schild gab Gesprächsstoff für mindestens eine Stunde.

Denn muss es sich nicht im kleinen M. um ein ernstes Problem handeln? Aber wer sollte hier Steine über einen Weg werfen, wenn nicht einheimische, Italienisch sprechende (E’ severamente vietato...) Lausejungs und -mädchen? (Und würde man denen nicht preisgünstiger direkt die Ohren langziehen?) Gelangweilte Touristenkinder? Gar keine Kinder, sondern im gelegentlich sehr hartnäckigen Tessiner Regen nach Zeitvertreib suchende urlaubende Erwachsene? Handelt es sich womöglich um den jüngsten, coolen Selfie-Trend, sollten wir ihn keinesfalls verpassen?

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