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Die Verfehlungen, Versäumnisse und Ungerechtigkeiten der Ökonomie haben den Europa-Gedanken erodieren lassen.

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Erinnerung

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Europa ist auch so etwas wie ein Erinnerungsort.

Das Europa der Gegenwart wäre ein anderes Europa, wenn es nicht auch ein Gedächtnis hervorgebracht hätte, ein Langzeitgedächtnis ebenso wie ein Kurzzeitgedächtnis. Europa ist auch so etwas wie ein Erinnerungsort. Nicht zuletzt das spricht für Europa, für eine Idee von Europa, in der sich die Bürger der Kriegsgeschichte (und Kolonialgeschichte) Europas ebenso bewusst sind wie einer Friedensgeschichte seit 1945, die von Krisen beherrscht wurde und Katastrophen wie die in Jugoslawien nicht verhindern konnte.

An das Europa der letzten sieben Jahrzehnte zurückdenkend, hat sich in Europa eingebürgert, die einseitig ökonomische Begründung der europäischen Einigung für einen Konstruktionsfehler zu halten, bei der, ob nun in den 1950er Jahren oder zuletzt, bei der Einführung des Euro, die politische und rechtliche Legitimation hinterherhinkte – von einer kulturellen gar nicht zu reden. Dass der Einigungsprozess allerdings bereits „seit den 1950er Jahren Herz und Verstand immer weniger erreichte“, darauf hat 2018 der Europa-Forscher Kiran Klaus Patel in seiner „kritischen Geschichte“ zum „Projekt Europa“ (C. H. Beck) aufmerksam gemacht.

Kein Zweifel, die Verfehlungen, Versäumnisse und Ungerechtigkeiten der Ökonomie haben den Europa-Gedanken erodieren lassen. Fatal war die Fixierung auf eine Fiskalunion. Aber ist die europäische Idee tatsächlich allein deswegen so unattraktiv geworden? Unter den Intellektuellen, die schon vor Jahren davor warnten, die Europa-Krise allein ökonomisch zu erklären, zählte der 2015 gestorbene Soziologe Ulrich Beck. So war 2011 auch sein Buch „Das deutsche Europa“ (edition suhrkamp) ein vehementes Dementi der These, wonach die Krise der EU eine Schuldenkrise sei. Becks Interesse galt vor allem einer Wertekrise – einer alles andere als ökonomischen Wertschöpfungskrise, vielmehr spekulierte er bei dem, nun ja, kulturellen Kapital Europas, auf Weltoffenheit und Toleranz. Das Risiko, so der Risikotheoretiker Beck, „das den Bestand der Europäischen Union gefährdet, ruft nach politischer Initiative“.

Beck brachte zudem einen Gedanken von Thomas Mann ins Spiel, den dieser 1953 in einer Rede in Hamburg formuliert hatte. Beck erklärte Mann zum Kronzeugen eines europäischen Gesellschaftsvertrags, bestehend aus vier Elementen: dem Prinzip der Fairness; dem Prinzip des Ausgleichs; dem Prinzip der Versöhnung; dem Prinzip der Verhinderung von Ausbeutung. Manns Europa war unmittelbar nach dem Krieg ein Erinnerungsort.

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