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Die Eisenbahn wurde zum Schrittmacher einer neuen Wahrnehmung.

Times mager

Eisenbahn

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Wenn man heute rund um die Bahn von Hektik und Hetze spricht, ist damit nicht viel gesagt.

Die Bahn ist immer ein Thema. Sie ist es übrigens schon seit 180 Jahren. Um das zu verstehen, vielleicht mal ganz langsam, quasi Schritt für Schritt – also:

Tatsächlich ließ das Wandern oder das Reisen in der Kutsche ganz anders hinschauen als aus der Eisenbahn heraus. Mit ihr setzte erst seit den späten 1840er Jahren eine andere Form des Fortkommens ein, ein beschleunigtes Vorwärtsdrängen. Dass durch die Eisenbahnreise Raum und Zeit vernichtet würden, wurde zu einer feststehenden Wendung. Vernichtung, nicht anders als so drastisch wurde es empfunden, weil das neue Verkehrsmittel eine bisher ungeahnte Durchschnittsgeschwindigkeit erreichte, mit bis zu dreißig Meilen die etwa dreifache von Kutschen. Krass, das Wort Vernichtung schien angemessen. Die Eisenbahn vernichte die Zwischenräume und lasse nur noch die Ziele übrig – nun, die ausgesprochen kulturpessimistische Perspektive zeigte sich blind für den Blick zum Eisenbahnfenster heraus.

Die Orte rückten zusammen, Abfahrpunkt und Ankunftspunkt, der Raum dazwischen rückte zusammen. Mit der Raumverkleinerung kam es zur Raumerweiterung, beides, Verkleinerung und Erweiterung, wurde zu einem gleichzeitigen Vorgang, einem dialektischen Geschehen, denn mit der Verkürzung der Abstände zwischen den Orten kam es zu einer Expansion des gesamten Verkehrsraums. Heinrich Heine war die Entwicklung unheimlich, tatsächlich von ihm stammt das Wort: „Durch die Eisenbahn wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig.“ Im Pariser Exil versuchte der Spötter sein Unbehagen durch den Bitterstoff Ironie zu lindern: „Mir ist, als kämen die Berge und Wälder aller Länder auf Paris angerückt. Ich rieche schon den Duft der deutschen Linden; vor meiner Tür brandet die Nordsee.“

Zweifellos wurde die Eisenbahn zum Schrittmacher einer neuen Wahrnehmung. Längst ist vergessen, dass Novitäten wie die Bahnhöfe binnen kurzer Zeit zum Ausgangspunkt der Erkundung wurden. Man steuerte fortan die Bahnhöfe an, sie bildeten so etwas wie das Basislager für ausgiebige Expeditionen. Wer vom Zug absprang, sah sich als ein Früh- Aussteiger aus der allgemeinen Beschleunigung. Es gab nicht nur einen Heine, der das thematisiert hat. Man setzte sich über den Fahrplan hinweg und der damit verbundenen Disziplinierung des Zeitbudgets. Fortbewegung erfolgte nicht unter einer Bahnhofsuhr, sondern nach einer inneren Uhr. Wenn man heute rund um die Bahn von Hektik und Hetze spricht, ist damit nicht viel gesagt.

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